Wenn zwei Familien verschmelzen
So genannte "Patchwork-" oder Fortsetzungfamilien stellen häufig an sich den Anspruch, wie "ganz normale" Familien zu funktionieren. Dabei bestehen neben dem neuen Familiensystem auch die Systeme der Ursprungsfamilien fort. Gelingt das Unternehmen "Patchwork-Familie", so kann daraus für alle Beteiligten erhöhte Konfliktfähigkeit, Toleranz und, durch die unterschiedlichen Familienkulturen, eine große Bereicherung resultieren. Einige Grundregeln können helfen, die große Herausforderung zu meistern.
Sigmund K. und Verena M. hatten keine Vorstellung, was für eine emotionale Zerreißprobe auf sie zukam, als sie mit ihren aus früheren Beziehungen stammenden Mädchen im Alter von 10 bis 14 - zwei von ihm, eines von ihr - gemeinsam ein neues Haus bezogen. Zunächst schien alles gut anzulaufen. Erwachsene und Kinder waren mit den Einrichtungsarbeiten beschäftigt und gewöhnten sich aneinander. Die beiden jüngeren Mädchen schlossen eine enge Freundschaft, die ältere hielt sich ein wenig abseits, war aber für jeden Spaß zu haben. Sigmund und die Tochter Verenas bauten ein gutes Verhältnis zueinander auf. Und auch Verena und Sigmunds Mädchen schienen sich gut zu verstehen. Nach den ersten Weihnachtsferien, die die Schwestern bei ihrer in einer anderen Stadt lebenden Mutter verbrachten, veränderte sich die Lage: Verena hatte den Eindruck, dass die Mädchen plötzlich Probleme hatten, das frühere gute Verhältnis fortzusetzen. Als es erstmals zu einer Auseinandersetzung kam und Verena eines seiner Mädchen zurechtwies, reagierte Sigmund, indem er zu ihr auf Distanz ging.
Langsam verhedderten die Beteiligten sich in einem Netz unverziehener gegenseitiger Kränkungen, bis die neue Familie nach einigen Jahren für alle schmerzhaft auseinanderbrach.
Erster erkennbarer Auslöser war ein Loyalitätskonflikt der beiden Schwestern zwischen ihrer leiblichen Mutter und der Frau, die neuerdings für sie sorgte. Da Verenas erster Mann nicht mehr lebte und wegen des Geschlechtsunterschiedes gestaltete sich die Beziehung zwischen Sigmund und ihrer Tochter bedeutend einfacher.
Das Problem des gemeinsamen Nenners
So genannte "Patchwork-" oder Fortsetzungfamilien, zusammengesetzt aus den Resten früherer Beziehungen der neuen Partner, werden aufgrund der hohen Scheidungszahlen immer häufiger, haben aber eine viel kompliziertere Beziehungsstruktur als Familien, in denen die Kinder von denselben Eltern stammen. Fortsetzungsfamilien stellen häufig an sich den Anspruch, wie "ganz normale" Familien zu funktionieren, verdrängen dadurch aber die Tatsache, dass neben dem neuen Familiensystem die Systeme der Ursprungsfamilien fortbestehen. Mit einem Mal spielen da doppelt so viele Großeltern, Onkeln und Tanten mit als zuvor. Statt einer familiären Kultur gibt es plötzlich drei, die irgendwie auf einen Nenner gebracht werden müssen - die der beiden Ursprungsfamilien und die neue gemeinsame. Was die Fortsetzungsfamilie an Ritualen und Traditionen herausbildet, etwa die Art, wie Geburtstage gefeiert werden oder welche Erinnerungen besonders lebendig bleiben, geht auf Kosten der alten Identitäten.
So kann das, was in "Normalfamilien" verbindende Meilensteine sind, in Fortsetzungsfamilien ständige Quelle von Konflikten sein.
Grundsätzlich gilt für Rituale in Fortsetzungsfamilien, dass die Bedürfnisse der Kinder möglichst erfüllt werden sollten. Wenn beispielsweise ein Kind gewöhnt ist, dass bei seinen Geburtstagen auch alle Großeltern mitfeiern, so sollte von der Fortsetzungsfamilie eine Lösung gefunden werden, die diese Tradition bewahrt. Eine Möglichkeit, dass das Kind auf niemanden verzichten muss, wäre, zwei Feste zu organisieren. Auf diese Weise könnten die Eltern dem Kind seine Loyalitäten erhalten.
Berater statt Stiefvater
Gelingt das Unternehmen "Patchwork-Familie", so kann daraus für alle Beteiligten erhöhte Konfliktfähigkeit, Toleranz und, durch die unterschiedlichen Familienkulturen, eine große Bereicherung resultieren. Einige Grundregeln können helfen, die große Herausforderung zu meistern. Zunächst sollten sich die beteiligten Erwachsenen darüber klar sein, dass die Kinder weder für die Scheidung noch für die neue Partnerschaft Verantwortung tragen. Alle Probleme, die sich innerhalb der Nachfolgefamilie ergeben, sollten daher unter den Erwachsenen ausgehandelt werden. Dem leiblichen Elternteil kommt nicht nur das Sorgerecht, sondern auch die Sorgepflicht für seine Kinder zu. Das bedeutet, dass der neue Partner, die neue Partnerin keine Erziehungsrechte beanspruchen kann. Er oder sie sollte sich als Vertraute/Vertrauter und Berater/Beraterin des Vaters oder der Mutter sehen unter dem Motto "Wie kann ich dir dabei helfen, ein guter Vater/eine gute Mutter zu sein, gleichzeitig aber für mich dafür sorgen, dass ich meinen Platz in der Beziehung behalte?"
Dazu kann hilfreich sein, wenn die Anrede "Vater" oder "Mutter" für den neuen Partner/die neue Partnerin vermieden und stattdessen der Vorname als Anrede verwendet wird. Als Rollenbild für den neuen Erwachsenen im Leben des Kindes empfiehlt sich das eines liebevollen Lehrers/einer liebevollen Lehrerin oder eines am Schicksal des Kindes interessierten Onkels oder einer Tante. Der Begriff der Stiefelternschaft ist mit derart negativem Ballast besetzt, dass er tunlichst vermieden werden sollte. Die Mutter- oder Vaterrolle sollte den leiblichen Eltern vorbehalten sein, da jede andere Person damit überfordert wäre. Für alle Beteiligten ganz wichtig: Jede Fortsetzungsfamilie hat einen Zusammenprall unterschiedlicher Familienkulturen zu bewältigen. Das beginnt bei so elementaren Dingen wie Zärtlichkeit und Hygiene und reicht bis zu Wertkonflikten über Geld und Ethik.