Überlastung
Der Stress zwischen Job und Familie - insbesondere bei Familien mit kleineren Kindern eher die Norm als die Ausnahme - kann beide Partner bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit fordern. Doch fällt die organisatorische Verantwortung für den Familienbetrieb in vielen Fällen allein den Frauen zu. Zum Teil liegt das an den traditionellen Vorstellungen der Rollen von Frauen als Müttern, zum Teil aber auch daran, dass die heutige Frauengeneration als Mädchen mehr Gelegenheit hatte, Haushaltsaufgaben einzuüben als Jungen.
Perfektionsfalle
Doch es gibt noch einen Grund, dass Frauen sich oft größere Lasten aufbürden als ihnen fairerweise zufallen würden: Chronisch schwaches Selbstwertgefühl lässt sie an ihrer Existenzberechtigung zweifeln und treibt sie in die Falle, alles perfekt im Griff haben zu wollen. Das gibt kurzfristig das Gefühl "ein gutes Mädchen" zu sein, bis die Perfektionsspirale die Ansprüche an sich selbst und in der Folge an die anderen noch höher steigen lässt. Diese Frauen müssen auf immer mehr Gebieten immer besseres leisten, können aber langfristig nie mit sich zufrieden sein.
Die beiden spüren die Nachwehen der patriarchalen Gesellschaftsordnung. Gleichberechtigung und traditionell geprägte, wenn auch aufgelockerte Rollenverteilung sind schwer miteinander vereinbar. Alles gemeinsam zu tun und keinen von etwas auszusparen ist dagegen nicht ökonomisch. Es ist auch praktisch kaum durchführbar, dass beide Partner alles im gleichen Maß tun: Familienarbeiten, an der Entwicklung der Kinder Anteil nehmen und ihren Wert am Arbeitsmarkt erhalten oder gar steigern.
Die Lösung wäre, dass Paare individuell auf ihre Situation zugeschnittene Arrangements aushandeln, wie die täglichen Aufgaben zu verteilen sind, und dafür zu sorgen, dass kein Partner mehr oder weniger entbehrlich ist als der andere. Manche Aufgaben machen gemeinsam Spaß und bereichern so die Beziehung (z.B. Kochen). Andere Dinge lassen sich gut abwechselnd erledigen (z.B. Einkaufen). Tätigkeiten, die niemanden reizen und leicht zu delegieren sind, kann vielleicht eine bezahlte Hilfe übernehmen (z.B. Putzen).
Aber gerade Frauen, die das Bedürfnis haben Kontrolle auszuüben, geraten häufig an Männer, die Probleme haben, Verantwortung zu übernehmen. Auch hier tritt ein Rückkoppelungsmechanismus in Aktion: Je mehr Kontrolle auf der einen Seite, desto weniger Zuverlässigkeit auf der anderen.
Enorme Ansprüche
Bis vor zwei Generationen galt ein Haushalt mit Kindern als Fulltime Job. Zwar wurden inzwischen viele Tätigkeiten dank Staubsauger, Waschmaschine und Co. automatisiert, Haushalte arbeitssparend eingerichtet und Kinderbetreuungseinrichtungen geschaffen, die allerdings in Österreich und Deutschland noch nicht überall flächendeckend sind. Trotzdem wird der Anteil der Hausarbeit am Bruttosozialprodukt immer noch auf 20 bis 30 Prozent geschätzt. Obwohl sie - auch von den Frauen selbst - gar nicht mehr als "richtige Arbeit" eingestuft wird. Dabei sind die Aufgaben in vielen Punkten beträchtlich umfangreicher als früher: Die Ansprüche in puncto Hygiene und gesunder Ernährung sind gestiegen. Kinder bekommen im Durchschnitt eine bessere Schulbildung und brauchen kompetente Aufsicht bei den Hausaufgaben. Zur Ergänzung ist es fast obligatorisch, aus der breiten Palette außerschulischer Aktivitäten - vom Geigenunterricht bis Karate - mindestens eine auszuwählen. Jüngere Kinder müssen dorthin begleitet werden. Überhaupt wird von Eltern erwartet, dass sie mit großem Wissen und Einsatz für die körperliche, geistige und soziale Entwicklung ihrer Kinder sorgen.
Parallel dazu müssen die Partner mit steigenden beruflichen Anforderungen zurechtkommen. Immer häufiger wird von Arbeitnehmern "zeitliche Flexibilität" verlangt. Lebenslanges Lernen ist zum viel strapazierten Schlagwort unserer Zeit geworden. Wer nicht ständig Fortbildungsseminare oder -kurse besucht, gerät ins Hintertreffen. Der berufliche Leistungsdruck setzt sich in der Freizeit fort, die nicht einfach der Erholung dient, sondern optimal genützt werden soll. Ob das über Konsum, Fitness und Schönheit oder den Bau eines Hauses in Eigenregie geschieht - die resultierenden Belastungen für die Zeit- und Geldbudgets sind enorm.
Prioritäten setzen
Jedes Paar sollte sich schon am Anfang der Partnerschaft überlegen, in welchen Bereichen es sich wie weit auf Leistungsdruck und Konsumzwang einlassen möchte. Kinder und andere Veränderungen der Situation erfordern ein neuerliches Überdenken der Prioritäten, wie etwa: "Macht es Sinn, alle drei Jahre ein neues Auto zu kaufen oder könnten wir die Spanne vielleicht auf fünf Jahre ausdehnen und mit der Ersparnis einige zusätzliche Karenzmonate für einen von uns finanzieren?" Perfektionismus, übergroßer Ehrgeiz aber auch Sparsamkeit am falschen Platz können eine Partnerschaft so sehr unter Stress setzen, dass sie daran zerbricht. Es kann gut sein, sich vor Augen zu halten, dass die finanziellen und emotionalen Kosten einer Trennung oder Scheidung meistens bedeutend höher sind als der Preis für kurz- oder mittelfristiges Kürzertreten im Beruf oder für eine gute Haushaltshilfe.