Tagträume und Phantasien
Dem Tagträumenden ist jederzeit bewusst, dass die Vorstellungen, die vor seinem inneren Auge ablaufen, nur Phantasieprodukte sind. Die meisten Psychologen stimmen darin überein, dass unerfüllte Wünsche der Antrieb zum Tagträumen sind.
Tagträume unterscheiden sich von ihren nächtlichen Verwandten vor allem durch den Grad der Bewusstheit und das Wirklichkeitsempfinden. Der Nachttraum ist ein fester Bestandteil des Schlafes. Beim "Tagträumen" hingegen ist man durchaus wach, und weiß das in der Regel auch. Ebenso ist dem Tagträumenden jederzeit bewusst, dass die Vorstellungen, die vor seinem inneren Auge ablaufen, nur Phantasieprodukte sind. Diese Gewissheit fehlt in den meisten Nachtträumen. Im Gegenteil: In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle ist der Schlafende sogar überzeugt, dass das, was er träumt, auch wirklich stattfindet. Erst nach dem Erwachen stellt er, abhängig vom Geträumten, manchmal erleichtert, manchmal enttäuscht fest: Es war ja nur ein Traum.
Was also sind dann die Gemeinsamkeiten zwischen Tagtraum und Nachttraum? Zunächst einmal gibt es biologische Gemeinsamkeiten. Die Traumphasen werden mit zunehmenden Alter kürzer. Mit dem Tagtraum verhält es sich ganz ähnlich. Tagträume treten am häufigsten in der Kindheit - meistens vor dem Einschlafen oder nach dem Erwachen - auf. Spätestens ab der Pubertät steigern sie die Lust bei der Selbstbefriedigung. Im Erwachsenenalter nehmen Tagträume ab oder verschwinden zur Gänze. Was die psychologische Seite betrifft, so verdanken Tagträume wie Nachtträume ihre Existenz einem inneren Spannungszuwachs. Nur wenige Autoren außerhalb der Psychoanalyse haben sich mit dem Phänomen des Wachtraumes und seiner Funktion für das seelische Gleichgewicht beschäftigt.
Die meisten Psychologen stimmen mit Sigmund Freud überein, dass unerfüllte Wünsche der Antrieb zum Tagträumen sind. So meinte Freud, dass der Inhalt dieser Phantasien von einer sehr durchsichtigen Motivierung beherrscht werde: Es handle sich um Szenen und Begebenheiten, in denen die egoistischen Ehrgeiz- und Machtbedürfnisse oder die erotischen Wünsche der Person Befriedigung finden. "Bei jungen Männern stehen meist die ehrgeizigen Phantasien voran, bei den Frauen, die ihren Ehrgeiz auf Liebeserfolge geworfen haben, die erotischen", schrieb Freud. Aber oft genug zeige sich auch bei Männern die erotische Bedürftigkeit im Hintergrund: "Alle Heldentaten und Erfolge sollen doch nur um die Bewunderung und Gunst der Frauen werben."
Die Antwort auf die Frage, worin die Gemeinsamkeit zwischen dem nächtlichen Traum und dem Tagtraum besteht, liegt also auf der Hand: Es ist der wunscherfüllende Charakter.