Stress im sozialen Bereich
Stress in sozialen Situationen ist meist ein Hinweis auf mangelnde Selbstsicherheit und Unterlegenheitsgefühle. Diese Gefühle sind nicht angeboren, sondern bilden sich erst im Laufe des Lebens aus.
Ein kleines Kind fühlt sich noch nicht minderwertig. Im Gegenteil: Je kleiner und hilfloser es ist, umso mächtiger phantasiert es sich. Egal, ob es sich als unbezwingbaren Superhelden sieht oder als einmalig schöne Prinzessin, es ist seinen imaginären Widersachern auf jeden Fall haushoch überlegen. In dieser frühen Lebensphase sind die Grenzen zwischen Phantasie und Realität noch fließend. Das Weltbild eines Kindes orientiert sich noch am Wunschdenken. Es schwelgt in seinen Größenphantasien und ist weit davon entfernt, sich als hilflos und schwach zu erleben. Erst nach und nach beginnt es, sich über die wirklichen Verhältnisse den Kopf zu zerbrechen: "Papa, wenn du größer und dicker bist als ich, warum gewinne immer ich?".
Die Erfahrungen, die ein Kind im Laufe seiner Entwicklung macht, nötigen es, seinen narzisstischen Kokon zugunsten einer realitätsgerechteren Sicht der Welt aufzugeben. Erfolgt diese Veränderung behutsam und in kleinen Dosen, werden die frühkindlichen Größenphantasien bald durch ein stabiles Selbstwertgefühl ersetzt. Traumatische Erfahrungen während der ersten Lebensjahre, Trennungserlebnisse, schwere Kränkungen, Demütigungen und Herabsetzungen führen einem Kind viel zu früh seine reale Kleinheit und Schwäche vor Augen. Sie rufen bei ihm aber auch ohnmächtige Wut hervor, die es allerdings schon im Ansatz wieder verdrängen muss, um sich weitere Konflikte zu ersparen. Der Hass löst sich durch die Verdrängung freilich nicht auf, sondern wirkt bis ins Erwachsenenalter im Unbewussten weiter. Verdrängte "gehemmte", feindselige Regungen in Kombination mit gekränktem kindlichen Narzissmus sind die eigentliche Ursache von Selbstunsicherheit, Schüchternheit, Konfliktscheu und sozialen Ängsten. Diese Defizite machen sich vor allem dann schmerzlich bemerkbar, wenn es darum geht, in einer Gruppe seinen Platz zu finden oder mit potenziellen Sexualpartnern in Kontakt zu treten.
Um die sozialen Ängste aufzulösen, ist es notwendig, die in der Kindheit entstandene Aggressionshemmung zu beseitigen und die gehemmten infantilen Rache- und Eifersuchtsbestrebungen durch einen erwachsenen Umgang mit Aggression zu ersetzen. Denn auch wenn den meisten dieser Zusammenhang nicht bewusst ist: Selbstbewusstsein ist nichts anderes als eine kultivierte Form von Aggression. War die Selbstbehauptung ursprünglich an die körperliche Kraft gebunden, ist sie heute Ausdruck von psychischer Stärke. Sollten Sie selbst an einer Aggressionshemmung leiden und diese abbauen wollen, lernen Sie als erstes "nein" zu sagen. Das hört sich zwar leicht an, ist aber in Wirklichkeit ziemlich schwierig. Seien Sie nicht enttäuscht, wenn es längere Zeit dauert, bis Sie es schaffen. Als nächstes sollten Sie versuchen, Ihre Wünsche in Worte zu fassen. Bemühen Sie sich, klar zu sagen, was Sie wollen und was nicht. Nehmen Sie dabei auf Ihre Umgebung keine Rücksicht. Das hat nichts mit Egoismus zu tun. Einen Wunsch auszusprechen ist eine Sache, auf seine Erfüllung zu bestehen eine ganz andere.
Lernen Sie auch, von sich aus auf andere zuzugehen. Beginnen Sie damit am besten in Alltagssituationen - z. B. im Supermarkt oder in öffentlichen Verkehrsmitteln. Wenn Sie einmal in einfachen Situationen Kontaktsicherheit erworben haben, wird es Ihnen bald auch in schwierigeren gelingen. Wenn Sie in einer sozialen Situation Angst verspüren, trauen Sie sich, diese offen anzusprechen. Sie werden über die Wirkung überrascht sein. Seien Sie überzeugt: je sicherer und stärker Sie sich fühlen, umso weniger werden Sie soziale Situationen belasten. Ängste und Hemmungen abzubauen, ist nicht immer ein leichtes Unterfangen, aber es lohnt sich, es in Angriff zu nehmen.
Wer laufend mit seinen sozialen Ängsten zu kämpfen hat, steht unter Stress. Das kann sich in den unterschiedlichsten Symptomen äußern: zuviel rauchen, zuviel trinken, hektisch essen etc. Sie tun sich körperlich und seelisch etwas Gutes, wenn Sie diese Stresssymptome vermindern.
