Sexuelle Unlust: Die grundlegenden Missverständnisse

"Er kann ständig und das sehr ausdauernd." "Sie ist allzeit bereit und erlebt einen spektakulären Höhepunkt nach dem andern." - so oder ähnlich sehen die gängigen Idealvorstellungen sexueller Erfüllung für Männer und Frauen aus. Dabei sind das im Grund nichts anderes als von der Pornoindustrie immer noch gierig ausgeschlachtete Versatzstücke aus Zeiten der sexuellen Revolution.

Zwar weiß jeder, dass diese Wunschbilder mit der Realität einer Langzeit-Partnerschaft wenig zu tun haben, aber trotzdem nisten sie fest in den Gehirnen und sind zumindest mit Schuld am Scheitern zahlloser Beziehungen. Denn wenn dauerhaft das Gefühl besteht, dass eine sexuelle Beziehung nicht so funktioniert wie sie sollte, so kann die Enttäuschung darüber eines Tages die Lust auf Sex ganz vergehen lassen.


Von einander lernen
Kein Bereich der Partnerschaft ist störanfälliger als die Sexualität:

Einem Paar kann es so schwer fallen, über Vorstellungen und Unklarheiten in puncto Sex auch nur zu sprechen, dass es das jahrelang gar nichts tut und die sexuelle Kommunikation sehr beschränkt bleibt. Ein anderes Paar redet so viel über Sex, bis das Thema zerredet und die Spannung zerstört ist. Die natürlichsten Dinge können Anlass zu einem nagenden Gefühl der Peinlichkeit sein, manche Zurückweisung wird nie vergessen und lässt eine Mauer verletzten Stolzes zwischen den Partnern wachsen. Für beide Geschlechter ist die sexuelle Attraktivität eine wichtige Komponente des Selbstwertgefühls.

All das macht es wichtig, sich mit dem Thema Sex gemeinsam auseinanderzusetzen, gleichzeitig aber viel Sensibilität walten zu lassen. Beide Partner müssen sich in den Gesprächen sicher fühlen. Sie sollten lernen um das zu bitten was sie sich wünschen und ebenso wie sie auf die Wünsche des Partners reagieren können, auch wenn diese manchmal ausgefallen anmuten mögen.

Dabei geht es darum zu lernen was der andere mag - ohne seine Vorlieben persönlich zu nehmen. Wer seine Phantasien mit seinem Partner teilt, hat Vertrauen zu diesem Menschen. So ist es möglich, übereinander und voneinander lernen. Es braucht ja nicht alles ausgelebt zu werden. Und über manche Dinge lässt sich verhandeln.


Falsche Tatsachen
Die Sexualität war lange Zeit ein solches Tabuthema, dass sich eine Vielzahl von Legenden um sie herum gebildet hat. Vieles, was in Medien und Literatur als Tatsachen vermittelt wird, stammt in Wahrheit aus dem Reich der Fiktion.

Zugleich ist in dieser "Aufklärung" wichtiges Wissen verloren gegangen, etwa, dass die sexuellen Bedürfnisse in den verschiedenen Lebensphasen unterschiedlich sind, dass sie auch innerhalb einer Lebensphase natürlichen Zyklen unterliegen, und dass Übersättigung beim Sex genauso den Appetit verderben kann wie beim Essen. Und vor allem, dass Frauen und Männer unterschiedliche sexuelle Bedürfnisse und dem entsprechend auch unterschiedliche Bilder, Träume und Fantasien von lustvoller Sexualität haben.


Fantasie grenzenloser Leidenschaft
Der romantische Traum von grenzenloser Leidenschaft lässt sich in der Realität einer Paarbeziehung kaum verwirklichen. Denn mit steigender Vertrautheit schwindet die Leidenschaft und wird in Kräfte umgewandelt, die dem gemeinsamen Existenzaufbau oder der Familiengründung zugute kommen.

Verliebtheit ist eine Art vorübergehender Ausnahmezustand, der den Zweck erfüllt, ein Paar zusammenzubringen und eine sexuelle Beziehung entstehen zu lassen. Er beflügelt und mobilisiert Kräfte für lange Abende und romantische Nächte und die Planung einer gemeinsamen Zukunft. Doch zehrt die Leidenschaft an den Reserven und kann in einem Alltag, der angefüllt ist mit Arbeit und sozialen Verpflichtungen, nicht dauerhaft aufrechterhalten werden. In den späteren Stadien einer Beziehung stellt sich Freundschaft und Kooperation ein. Wenn alles gut geht, so wechseln Phasen der emotionalen Ruhe und Phasen neuerlicher Verliebtheit miteinander ab. Das sexuelle Erleben in einer Langzeit-Partnerschaft kann also nicht immer aufregend und abwechslungsreich sein.


Lustkiller
Gerade Paare, die besonders gut miteinander auskommen, klagen relativ häufig, dass ihnen das sexuelle Prickeln abhanden gekommen sei. Das hat zum einen damit zu tun, dass die Erotik von Spannung und Risiko angeheizt wird - etwas, das es in einer solchen Partnerschaft naturgemäß weniger gibt als in Beziehungen, wo die Partner einander nicht vertrauen und sich nicht aufeinander verlassen können.

Zum anderen kann sich in einer sehr harmonischen Beziehung eine Emotionalität wie unter Geschwistern einstellen. Die Psyche reagiert, indem sie die Inzestschranke hochfährt und die Erotik versiegen lässt.

Aber auch die Geburt von Kindern kann sich negativ auf eine bisher gute sexuelle Beziehung auswirken.

Auch in Zeiten ausgedehnter Überlastung schwindet die Lust auf die "schönste Nebensache der Welt" langsam, aber das ist eigentlich nur logisch.  


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