Seelische Krisen

Wie kommt es zu einem Nervenzusammenbruch? Was ist eine präsuizidale Krise? Was tun bei Selbstmordgefahr? Seelische Krisen haben mannigfaltige Auswirkungen. Auch wenn die Situation aus der Sicht des Einzelnen unbewältbar erscheint: Krisen können bewältigt und mit verschiedenen Hilfsmitteln und Therapien behandelt werden.

Im allgemeinen Sprachgebrauch haben Krisen meist einen negativen Beigeschmack. Tatsächlich aber ist eine Krise (der Ausdruck kommt aus dem Griechischen und bedeutete ursprünglich Kritik) ein Wendepunkt, der mehrere Ausgänge offen lässt: günstige und ungünstige. Eine psychische Krise entsteht dann, wenn das psychische Abwehrsystem nicht mehr in der Lage ist, eine bedrohliche Situation zu bewältigen. Bei dieser kann es sich um eine reale Gefahrensituation oder einen ungelösten psychischen Konflikt handeln. Das Ergebnis ist eine Reizüberflutung des Ich, die in krassen Fällen zu einer vorübergehenden Ich-Auflösung (Dekompensation des Ich) führen kann. Psychische Krisen werden entweder durch traumatische Ereignisse (Verlust eines geliebten Menschen, Verlust des Arbeitsplatzes, Gewalterlebnisse) hervorgerufen oder sie sind der Gipfel einer längeren Entwicklung. Sie können einen tragischen Ausgang nehmen oder der Anfang einer Neuorientierung sein.


Psychisches Trauma
Der Begriff Trauma bedeutet soviel wie seelische Verletzung. Es wird darunter eine Erschütterung des seelischen Gleichgewichtes als Folge einer äußeren Gewalteinwirkung verstanden, deren emotionale Resonanz (Angst, Schrecken, Ekel) vom psychischen Abwehrsystem nicht mehr bewältigt werden kann. Misshandlungen, sexueller Missbrauch aber auch Trennungserlebnisse, der Verlust einer wichtigen Bezugsperson in der Kindheit, die Geburt eines Geschwisterkindes, schwere Frustrationen bewirken, sofern sie nicht verarbeitet werden, eine Traumatisierung der Psyche. Ursprünglich ist man davon ausgegangen, dass ein bestimmtes Trauma für die Entstehung einer psychischen Störung verantwortlich sei. Nachdem aber jeder Mensch im Laufe seiner Lebensgeschichte das eine oder andere Trauma erfahren hat, musste diese Hypothese bald wieder fallengelassen werden. Heute besteht kein Zweifel mehr, dass nicht vereinzelte Traumen, sondern eine traumatisch verlaufende frühkindliche Entwicklung zur Ausbildung von Neurosen führt und die Entstehung von Psychosen begünstigt. Auch im späteren Leben können psychische Traumen das seelische Gleichgewicht nachhaltig stören, wie z.B. bei den posttraumatischen Belastungsstörungen.


Nervenzusammenbruch
"Nervenzusammenbruch" ist der umgangssprachliche Ausdruck für den Höhepunkt einer akuten Krise. Er kann durch ein einmaliges Ereignis, z.B. den unerwarteten Tod einer geliebten Person oder durch eine länger andauernde psychische Überlastungssituation hervorgerufen werden.

Die wichtigsten Symptome eines "Nervenzusammenbruches" sind: Weinkrämpfe, Schreien und unberechenbare Reaktionen. Ein "Nervenzusammenbruch" weist gewisse Ähnlichkeiten mit einer akuten Psychose auf. Unter Umständen kann es zu selbst- oder fremdgefährdenden Gewalthandlungen kommen.

Es gibt auch Verlaufsformen, die nicht explosiv nach außen sichtbar werden, sondern zu einer psychischen Implosion führen. Sie äußern sich in völliger Apathie und depressivem Rückzug.

Menschen, die während des "Nervenzusammenbruches" so außer Kontrolle geraten, dass sie für sich oder andere zu einer Gefahr werden, müssen natürlich ruhiggestellt werden. Wenn es nicht anders geht, auch mit Gewalt.
Unter Umständen ist auch die Einlieferung in ein psychiatrisches Krankenhaus erforderlich. In der akuten Phase des "Nervenzusammenbruchs" ist die Verabreichung von beruhigenden Substanzen natürlich die Therapie der Wahl. Danach steht die Regeneration im Vordergrund. Je nachdem, was die Ursache war, geht es entweder darum, die auslösenden Faktoren zu beseitigen oder das traumatische Ereignis zu verarbeiten.


Präsuizidale Krise
Der Begriff "präsuizidale Krise" geht auf den österreichischen Tiefenpsychologen Erwin Ringel zurück und beschreibt das Stadium, dass dem Suizid vorausgeht. Es ist durch drei Parameter charakterisiert: Die präsuizidale Einengung, nach innen gerichtete Aggressionsentfaltung und Selbstmordphantasien:

Einengung: Die psychische Einengung kann als Folge von Schicksalsschlägen, persönlichem Fehlverhalten (Selbstmord nach einem Verbrechen) entstehen oder als Folge einer psychischen Störung bloß in der Einbildung vorhanden sein. Sie betrifft die Gedankenwelt, die Gefühlswelt und die sozialen Kontakte. Entscheidend ist immer nur das subjektiv empfundene Ausmaß der Einengung und nicht die tatsächlich gegebene. Eine besondere Form der psychischen Einengung ist die narzisstische Krise im Sinne einer schweren Kränkung des Selbstwertgefühls (z.B. eine Demütigung). Solche Kränkungen, die Scham, vor aller Welt bloßgestellt ("kastriert") zu sein, können bei vorbelasteten Persönlichkeiten ebenfalls zu erhöhter Selbstmordgefahr führen. Dieses Kastrationsgefühl ist vermutlich auch der Grund, warum sich so viele Männer nach einem, oft sogar harmlos verlaufenen, Autounfall oder einem Führerscheinentzug umbringen. In diesem Fall lautet die Formel im Unbewussten offenbar: "Lieber tot als kastriert."

Gehemmte und gegen die eigene Person gerichtete Aggression: Dabei handelt es sich um ursprünglich nach außen gerichtete Aggressionen, die durch einen Verinnerlichungsvorgang eine Wendung gegen das eigene Ich genommen haben. Im Verhalten führen sie zu überhöhter Selbstkritik, zu Selbstvorwürfen und Schuldgefühlen. Mit zunehmender Aggressionsbereitschaft wächst auch die Selbstmordgefahr.

Selbstmordphantasien: Nur die wenigsten Selbstmorde passieren ohne vorherige Ankündigung. Diese Ankündigungen sind ein sicherer Beweis, dass sich Selbstmörder schon lange Zeit vor Ausführung der Tat in ihrer Phantasie mit der Möglichkeit des Selbstmordes auseinandersetzen. Je intensiver und konkreter die Selbstmordphantasien sind, umso gefährlicher ist die Situation. Die verbreitete Volksweisheit "Hunde die bellen, beißen nicht" trifft auf Selbstmörder nicht zu. Menschen, die ihren Selbstmord androhen, meinen das auch so. Die Entwicklung dieser Suizidgedanken verläuft nach einem charakteristischen Muster: Zunächst stellen sich - ganz von alleine - Todesgedanken ein. Nach und nach folgen dann immer häufiger, aktiv herbeigeführte Suizidphantasien, die immer konkretere Formen annehmen.


Suizid und Parasuizid
Suizid und Parasuizid (demonstrativer Suizidversuch) sind zwar einerseits vollkommen verschiedene Handlungen, stellen aber andererseits die Endpunkte desselben Kontinuums dar, wie zwei Seiten einer Medaille. Das hat vor allem damit zu tun, dass in jeder Suizid- und Parasuizidhandlung die folgenden Aspekte in unterschiedlichem Verhältnis miteinander gemischt sind: aktive Aggression gegen sich selbst ("am besten wäre es, wenn es mich nicht mehr gäbe"), passive Todeswünsche ("möchte nur noch tot sein"), Aggression gegen andere ("wenn ich tot bin, werdet ihr alle weinen, aber dann ist es zu spät"), Appell/Hilferuf, der Wunsch auszusteigen ("einfach nur schlafen" - die parasuzidale Pause).

Parasuizide kommen bei Frauen doppelt so häufig vor wie bei Männern, bei vollendeten Suiziden verhält es sich genau umgekehrt. Suizide werden mit dem Alter häufiger. Parasuizide sind in der Adoleszenz bzw. im jungen Erwachsenenalter am häufigsten und nehmen dann ab. Parasuizide sind insgesamt 10 - bis 40-mal so häufig wie vollendete Suizide, allerdings ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen. In der Gruppe der vollendeten Suizide sind - naturgemäß - "harte Methoden", zu denen auch der Suizid mit dem Auto gehört, häufiger, und damit sind sie auch bei Männern häufiger.


Was tun bei Selbstmordgefahr?
Was tun, wenn die beste Freundin droht, sich umzubringen, weil sie gerade von ihrem Partner erfahren hat, dass er sich scheiden lassen will? Wie reagiert man richtig, wenn ein naher Freund völlig aufgelöst anruft und atemlos erzählt, er habe soeben nach einem Unfall seinen Führerschein verloren und wolle sich deshalb das Leben nehmen?

Wenn es um psychische Krisen geht, gibt es kein Patentrezept. Was bei dem einen hilft, kann beim anderen schaden. Deshalb ist es wichtig, sich in erster Linie auf das eigene Gefühl und die eigene Intuition zu verlassen. Wenn es gelingt, sich in die Ausnahmesituation der anderen Person einzufühlen und ihre aktuelle Not zu verstehen, ist schon viel gewonnen. Einige grundlegende Verhaltensregeln gibt es aber dennoch:

Niemand hat die Macht, jemanden vor dem Selbstmord zu bewahren. Das sollte man der selbstmordgefährdeten Person auch offen mitteilen: "Wenn du dich umbringen willst, wirst du es tun. Ich bin nicht stark genug, dich davor zurückzuhalten, obwohl ich es gerne wäre."

Man sollte versuchen so weit wie möglich eine Beziehung zu dem gefährdeten Menschen herzustellen und ihn in ein Gespräch zu verwickeln.
In so einem Gespräch ist Zuhören das Allerwichtigste. Überredungsversuche jeder Art sind kontraproduktiv. Umso wichtiger ist es, ernsthaft auf das einzugehen, was der Betreffende erzählt sowie eingehend danach zu fragen, wie es überhaupt zu dieser verzweifelten Situation gekommen ist.

Es ist nicht zielführend, gute Ratschläge zu geben, etwa: "Ich an deiner Stelle ..." auch unnötige Fragen wie: "Warum machst du nicht ..." sollte man unterlassen. Die meisten Menschen wissen selbst am besten, was sie tun sollten. Das Problem liegt meist darin, dass sie sich dazu in dem Moment nicht in der Lage fühlen.

Hingegen ist es gut Hilfestellung anzubieten, danach zu fragen, ob es irgendetwas gibt, was man selbst für diese Person tun kann.

Unfreundliche Reaktionen oder Zurückweisungen sollte man nicht persönlich nehmen und auch möglichst nicht die Geduld verlieren. Denn: Die andere Person befindet sich in einer dramatischen Ausnahmesituation.

Eine plötzliche Besserung nach einer vorangegangenen suizidalen Krise kann paradoxerweise auch ein Hinweis auf eine besonders hohe Suizidgefahr sein. Solange ein Mensch noch kämpft, mit der Frage ringt, ob er sich nun das Leben nehmen soll oder nicht, wird diese Verzweiflung auch noch sichtbar. Wenn er die Entscheidung innerlich getroffen hat, ist diese Quälerei vorbei: er wirkt unter Umständen ruhiger, gefasster - hat aber innerlich mit dem Leben, d.h. aber eben auch mit seinen Beziehungs-Partnern, abgeschlossen.

Achtung! Sobald unmittelbare Selbst- oder Fremdgefährdung besteht, sollte man nicht zögern, sofort einen psychiatrischen Notdienst, die Rettung oder die Polizei zu verständigen.


Auswirkungen von Krisen
Am Höhepunkt einer Krise kann es zu psychischen und physiologischen Veränderungen kommen. Charakteristische körperliche Veränderungen sind: Kopfschmerzen, Fieber, Müdigkeit, Schmerzen in Gelenken und Muskeln, Appetitverlust, Unwohlsein, Magenprobleme, Kreislaufstörungen und eine allgemeine Schwäche des Immunsystems.

Die psychischen Veränderungen betreffen vor allem Wahrnehmungsverzerrungen und die Realitätseinschätzung einer Person. Akute Krisen gehen häufig mit einem Schockzustand, Verwirrtheit und unkoordinierten, stereotypen Handlungsabläufen einher. Umgekehrt kann es auch zu psychischer Abstumpfung, Erschöpfungszuständen, verminderter Konzentrationsfähigkeit, einer Beeinträchtigung der Aufmerksamkeit und Urteilskraft kommen. Die Entscheidungsfähigkeit ist oft merkbar beeinträchtigt und das Denken stark eingeengt. Es besteht eine deutliche Tendenz, den Überblick zu verlieren.

Auf der gefühlsmäßigen Ebene kann es zu unkontrollierten Gefühlsausbrüchen, Nervosität und depressiven Reaktionen kommen. Krisen gehen oft auch mit Schlaflosigkeit, sozialer Abkapselung und verstärktem Alkoholkonsum einher.


Bewältigung einer Krise
Das Ziel der Krisenintervention ist es, belastende oder überfordernde innere oder äußere Anforderungen so zu bewältigen, dass längerfristige negative Konsequenzen vermieden werden können. In der akuten Phase geht es vorrangig darum, die aus dem Gleichgewicht geratene Psyche zu stabilisieren. Hier spielt die Beziehung zu einem anderen Menschen (Partner, Freund, professioneller Helfer) natürlich eine ganz entscheidende Rolle. Die Interventionen müssen verstehend, stützend und ermutigend sein. In besonders schweren Krisen empfiehlt sich auch eine vorübergehende Medikation mit beruhigenden, eventuell auch angst- und spannungslösenden Mitteln.

Sobald die akute Krise im Abklingen ist, sollten Strategien zur Veränderung der bestehenden Situation ins Auge gefasst werden, sodass der positive Ausgang der Krise sichergestellt ist. Dabei empfiehlt es sich, zumindest kurzfristig, psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. 


Copyright © 2011 BKK Deutsche Bank AG, Düsseldorf