Schlaf

Immer mehr Menschen leiden unter Schlafstörungen. Arbeits- und Freizeitstress, berufsbedingte Verschiebungen im Tagesrhythmus, Reizüberflutung, existentielle Sorgen, Nervosität und wachsende psychische Überlastung haben die Zahl der Ein- und Durchschlafstörungen rasant in die Höhe getrieben. Neben rascher Abnahme der Konzentrationsfähigkeit sind Ängstlichkeit, Gereiztheit und Aggressivität die unausbleibliche Folge länger dauernder Schlafstörungen. Anhaltender Schlafentzug führt nach zwei bis drei Tagen zu visuellen oder akustischen Halluzinationen - man sieht und hört, was real nicht vorhanden ist - und zu wahnhaften Verfolgungsvorstellungen. Doch auch schon kürzer dauernde Schlaflosigkeit kann merkwürdige Wahrnehmungen hervorrufen. 


Warum schlafen wir?
Die Bedeutung des Schlafes für die körperliche und seelische Erholung ist heute unumstritten. Kein Wunder also, dass Fragen nach der Ursache von Schlafstörungen so breites Interesse finden. Hingegen wird dem Umstand, dass der Mensch - wie auch alle anderen Säugetiere - überhaupt schläft, weniger Aufmerksamkeit geschenkt. Kaum jemand fragt sich, warum rund ein Drittel der Lebenszeit schlafend zugebracht wird. Tatsächlich unterliegen alle Lebewesen einem Tag-Nacht-Zyklus. Beim Menschen wird dieser Zyklus "zirkadianer Rhythmus" bezeichnet. Der Grund dafür, dass Lebewesen schlafen, hat vermutlich mit dem Energiehaushalt zu tun. Vieles spricht dafür, dass während des Schlafes Energie gespart oder erneuert wird. Auch Neurotransmitter, die untertags verbraucht wurden, werden im Schlaf wiederhergestellt.


Die biologische Uhr
Schlafforscher haben festgestellt, dass der ständige Wechsel von Schlaf- und Wachphasen von einer "biologischen Uhr" gesteuert wird. Im 24-Stunden-Rhythmus durchlaufen wir Phasen hellwacher Aufmerksamkeit, entspannter Wachheit, von Müdigkeit und Schlaf. Herzschlag, Stoffwechsel, Hormonausschüttung und Körpertemperatur ändern sich in Abhängigkeit von diesem biologischen Rhythmus. Die biologische Uhr, die den Takt angibt, wird in erster Linie von der Zirbeldrüse gesteuert, die sehr empfindlich auf Hell-Dunkel-Veränderungen regiert.


Schlafphasen
Auch die Schlaftiefe variiert im Laufe einer Nacht. Sobald man im Bett entspannt und mit geschlossenen Augen zu dösen beginnt, passiert man das Einschlafstadium. Danach kommt es zur ersten richtigen Schlafphase. Über eine weitere Etappe gelangt man schließlich in das Tiefschlafstadium. Für das Hirnstrombild sind in dieser Phase langsame, hohe Wellen charakteristisch. Atmung, Herzschlag und Blutdruck verlaufen regelmäßig. Temperatur und Durchblutung des Gehirns sowie die Körpertemperatur sinken herab. Nach ein- bis eineinhalb Stunden löst das Tiefschlafstadium eine andere Phase ab, die sehr treffend als "Paradoxer Schlaf" bezeichnet wird. Treffend deswegen, weil es wirklich ausgesprochen paradox ist, wenn mitten im Schlaf plötzlich eine Periode höchster Gehirnaktivität einsetzt. Diese Periode wird von schnellen Augenbewegungen begleitet. Wegen der schnellen Augenbewegungen heißt dieses Stadium auch REM-Stadium (Rapid Eye Movements: Schnelle Augenbewegungen). Im Gegensatz zum Tiefschlaf verlaufen Herzschlag, Blutdruck und Atmung nun unregelmäßig. Das Gehirn wird jetzt sogar besser als im Wachzustand durchblutet. Dadurch steigt auch die Gehirntemperatur. Gelegentlich kommt es zu Zuckungen im Gesichts- oder Körperbereich. Die Gliedmaßen sind völlig schlaff und zeigen keinerlei Reflexe. Dagegen sind bei Frauen die Klitoris und bei Männern der Penis hochgradig erregt. Ein eindrucksvolles Argument für die psychoanalytische Auffassung, nach der Träume vorwiegend als sexuell gedeutet werden.

Die einzelnen Schlafstadien werden pro Nacht ca. viermal durchlaufen und dauern im Durchschnitt etwa eineinhalb Stunden. Im Laufe des Lebens verkürzt sich die Schlafzeit des Menschen. Während ein Säugling noch etwa zwei Drittel des Tages schlafend verbringt, findet ein alter Mensch oft nur mehr fünf bis sechs Stunden Schlaf als ausreichend.


Schlafstörungen
Einschlaf- oder Durchschlafstörungen können die unterschiedlichsten Ursachen haben. Oft werden sie bei Reisen durch die Zeitverschiebung hervorgerufen oder - wie bei der Schichtarbeit - durch einen sich ständig ändernden Wach-Schlafrhythmus. Sie können chronisch sein, wie bei der altersbedingten Schlaflosigkeit, oder vorübergehend auftreten - wie beim Alkohol- oder Nikotinentzug. Es gibt aber auch organische Gründe wie das "Restless-Leg-Syndrom", bei dem nach kurzer Schlafdauer (bzw. kurzer Entspannungsdauer) die Beine zu zucken beginnen, so dass ein unmittelbares Aufwachen oder die Unmöglichkeit überhaupt einzuschlafen die Folge ist.

Oft rauben belastende Lebensumstände, Schulden, Arbeitslosigkeit, Angst vor kritischen Ereignissen einem Menschen den Schlaf. Oder es sind psychische Gründe für die Schlaflosigkeit verantwortlich. Vor allem depressive Menschen leiden fast regelmäßig unter schweren Schlafstörungen. Schlaflosigkeit kann in seltenen Fällen auch ein erster Hinweis auf einen beginnenden psychotischen Schub sein, wie es bei bestimmten Formen der Schizophrenie oder der Manie der Fall ist. Vor allem wenn die Schlafstörung plötzlich, ohne ersichtlichen äußeren Anlass einsetzt oder länger andauert, sollte unbedingt ein Arzt aufgesucht werden.


Was tun bei Schlaflosigkeit
Schlaflosigkeit gehört zu den schlimmsten psychischen Beschwerden. Die chronische Müdigkeit führt nicht nur zu allgemeiner Erschöpfung, sondern auch zu psychischer Labilität, erhöhter Reizbarkeit, Verringerung der intellektuellen Leistungsfähigkeit und zu sexuellen Störungen bei beiden Geschlechtern.

Natürlich ist die Einnahme einer Schlaftablette der einfachste Weg zur Beseitigung der Beschwerden. Doch wie so oft im Leben ist der einfachste Weg nicht immer der beste. Abgesehen von den Risiken und Nebenwirkungen von Schlaftabletten, ist die Schlaflosigkeit meist nur ein Folgesymptom von ungelösten psychischen Konflikten oder anderen Problemen. Werden diese gelöst, verschwindet meist auch die Schlaflosigkeit.

Es hat sich gezeigt, dass viele Formen der Schlafstörung gut auf Entspannungstechniken ansprechen. Auch die bekannte Volksweisheit, Sex sei das beste Schlafmittel, sollte in diesem Falle nicht nur belächelt werden. Doch auch andere Formen der körperlichen Bewegung, z.B. Laufen, können bei Schlafstörungen helfen.

Vor allem dann, wenn die Schlafstörung altersbedingt entsteht, ist die Einnahme von schlaffördernden Präparaten, homöopathischen Mitteln oder Naturheilmitteln, im Vergleich zu den Auswirkungen der Schlaflosigkeit sicher das geringere Übel.

Da Schlafstörungen auch Ausdruck unbewusster innerer Konflikte oder einer seelischen Störung (z. B. Depression) sein können, empfiehlt es sich, bei länger anhaltender Schlaflosigkeit psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen.


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