Rollenkonflikte

Der Übergang von der patriarchalischen Gesellschaftsordnung zu einer, in der Männer und Frauen wirklich gleichberechtigt sind, ist zwar schon ein gutes Stück vorangekommen, aber immer noch nicht abgeschlossen. Besonders hartnäckig halten sich die antiquierten Rollenbilder von dem als Beschützer und Ernährer auftretenden Mann und der fürsorglich im Haus waltenden Gattin als Idealvorstellungen in den Köpfen. Sie beeinflussen immer noch die Beziehungsmechanismen vieler Paare.


Der Verdienst entscheidet
Dazu kommt ein gravierendes wirtschaftliches Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen: Immer noch sind viele "Männerberufe" besser bezahlt als so genannte "Frauenberufe"; immer noch liegt das Einkommen erwerbstätiger Frauen rund ein Drittel unter dem der Männer. So besteht für die meisten Paare der schnellste Weg zum Erfolg darin, die Karrieremöglichkeiten des Mannes zu nutzen. Dafür wird allzu leichtfertig die Karriere der Frau und ihr Einkommen geopfert. Diese Einstellung führt dazu, dass z.B. bei der Entscheidung, ob eine Frau nach der Geburt eines Kindes zu Hause bleibt oder weiter arbeiten geht, wenn auch nur halbtags, die Rechnung folgendermaßen aussieht: "Eine Haushaltshilfe oder ein Aupair kostet uns so viel oder sogar etwas mehr als ihr Verdienst. Da ist es doch gescheiter, wenn sie selbst beim Kind bleibt." In dieser kurzsichtigen Rechnung sind freilich nicht die Folgekosten eines Berufsausstiegs der Frau berücksichtigt. Außerdem wird die Berufstätigkeit der Frau nur nach ihrem finanziellen Ertrag bewertet - eine verhängnisvolle Fehleinschätzung in Anbetracht dessen, wie existenziell wichtig der Beruf für jeden Menschen ist.


Wochenendväter
In einer partnerschaftlichen Beziehung müssten in dieser Situation aber alle Faktoren berücksichtigt werden - etwa, dass sie ihren Beruf genauso dringend braucht und genauso einen Anspruch auf berufliches Fortkommen hat wie ihr Mann. Viele Frauen erleben die Situation, dass sie sich wohl oder übel gegen ihre beruflichen Interessen und für eine Kinderkarenz entscheiden, als diskriminierend. Dass eine solche Rollenzuteilung auf die Qualität der Beziehung abfärbt, ist kaum vermeidbar.

Aus der traditionellen Ernährerrolle des Familienvaters resultieren aber auch Nachteile für die Kinder, denen die Anwesenheit des Vaters abgeht. In vielen Fällen kommt der Vater nach Hause, wenn die Kinder gerade ins Bett gehen oder schon schlafen. Was Kinder von ihren Wochenendvätern zu sehen bekommen, ist meistens ein einseitiges Bild - ob abgespannt, gereizt und strafend oder als netter Kumpel, der für jeden Spaß zu haben ist. Aber auch viele Männer würden gerne intensiveren Anteil an der Aufzucht ihrer Sprößlinge haben.

Auf die Alleinverantwortung für das Funktionieren des Familienbetriebs reagieren Frauen oft mit Perfektionismus. Alles muss topsauber sein, wie am Schnürchen laufen. Sie selbst wollen als Mütter, Köchinnen und Geliebte brillieren. Damit das gelingt, müssen Partner und Kinder ebenfalls höchste Ansprüche erfüllen. "Plötzlich war ich wie meine Mutter. Ich bin in der Früh um vier aufgestanden, um zu bügeln, sauberzumachen, vorzukochen. Um halb sieben war ich beim Bäcker, um frische Semmeln zu holen. In der Mittagspause sauste ich ins Fittnesscenter. Am Abend habe ich für meinen Mann die schwarzen Spitzenstrümpfe angezogen", beschreibt Regina S., wie sie auf ihren Zusammenbruch zusteuerte. Von ihrer Mutter unterschied sie sich freilich darin, dass diese ab dem Zeitpunkt ihrer Heirat nicht mehr berufstätig war.


Krise im Bett
So verwirrend die Probleme der Aufgabenverteilung im derzeitigen Wandel der Geschlechterbeziehung auch sein mögen - der Anspruch auf partnerschaftliches Handeln ist im Prinzip verankert und es lässt sich mit gutem Willen, Fairness und sorgfältiger Planung vieles verbessern. Weitaus weniger der Rationalität zugänglich ist dagegen die emotionale Seite der Mann-Frau-Beziehung. Das zeigt sich am rasanten Anstieg jener Menschen, die ein Single-Dasein führen wie auch an der gegenwärtig von Experten georteten "Krise im Bett", die insbesondere Männer über 30 erfasst haben soll. Deren gegenwärtige sexuelle Lustlosigkeit führen die Experten auf die unmögliche Zumutung zurück, männlich agieren zu müssen, solange nicht klar ist, was männlich bedeutet.

Denn während viele Frauen sich in den letzten Jahrzehnten neue Rollenbilder erschließen konnten - von der alternativen Kreativen über die souveräne Familienchefin bis zur Karrierefrau - fehlt es an attraktiven Rollenbildern für Männer.


Freundschaft als Lösung
Als Rettung aus der gegenwärtig prekären Situation zwischen Männern und Frauen wird neuerdings die Freundschaft propagiert. Wenn dieses Element der Beziehung im Vordergrund stehe - so die Hoffnung - würden Machtkonflikte entschärft und die Bindung verstärkt. Die auf erotische Anziehungskraft gegründete Liebe hat sich als zu schwaches Fundament für Partnerschaften erwiesen. Das bestätigen die rasant steigenden Scheidungsziffern. Doch scheinen die Idealvorstellungen der Bevölkerungsmehrheit - 80 Prozent wünschen sich eine lebenslange Partnerschaft mit Treue und Beständigkeit und dazu zwei, drei Kindern - zu beweisen, dass die Sehnsucht nach familiärer Stabilität ein zutiefst menschliches Bedürfnis ist.

Angesichts der vielen neuen Chancen und Anforderungen, die sich für Männer und Frauen aus der Geschlechter-Revolution der letzten 100 Jahre ergeben, bleibt nur eine Möglichkeit: Jeder Mann und jede Frau muss für sich und in Beziehung zum Partner aushandeln, welche Lebensgestaltung ihm, ihr und dem ganz individuellen Partnerschaftsprojekt der beiden am ehesten gerecht wird. Von außen gelieferte Rollenbilder können da bestenfalls Anhaltspunkte liefern und sollten auf jeden Fall kritisch unter die Lupe genommen werden. Denn vielfach kranken Beziehungen gerade daran, dass jeder Partner von sich und vom anderen Rollenbilder im Kopf trägt, die nicht miteinander vereinbar sind.


Copyright © 2011 BKK Deutsche Bank AG, Düsseldorf