Psychodrama
Psychodrama ist die älteste Gruppenpsychotherapiemethode und findet auch heute noch bevorzugt in Gruppen statt. Beim Psychodrama handelt es sich um therapeutisch angewandtes Stegreiftheater, bei dem der Hauptdarsteller, der "Protagonist", wichtige Begebenheiten aus seiner Lebensgeschichte, seine persönlichen Konflikte und Phantasmen mit anderen Gruppenmitgliedern dramatisch in Szene setzt. Im Anschluss an das Spiel besteht die Möglichkeit, den Verlauf der Handlung innerhalb der Gruppe zu reflektieren. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Emotionen gelegt, die sich während des Spiels bei den Akteuren einstellen. Psychodrama eignet sich besonders gut für stabile, extravertierte Persönlichkeiten, die Lust an der Selbstdarstellung haben. Bei Depressiven, Gehemmten, bestimmten Formen der Angststörung, narzisstischen Persönlichkeitsstörungen und Borderlinestörungen ist das Psychodrama wegen der besonderen Schamanfälligkeit, bzw. der besonderen exhibitionistischen Anteile dieser Patienten nur mit äußerster Vorsicht anzuwenden.
Technik
Die zentralen Techniken sind das Doppeln - ein "Doppelgänger" übernimmt vorübergehend die Rolle des Hauptakteurs (des Protagonisten) und bringt neue Aspekte ins Spiel ein; das Spiegeln - einem Gruppenteilnehmer wird sein Rollenverhalten durch einen anderen Spieler gespiegelt; und der Rollentausch - ein Spieler schlüpft in die Rolle eines Mitspielers und versucht, die Handlung aus dessen Perspektive zu sehen.
Der Therapeut (der Theaterdirektor) als psychodramatischer Leiter hat die Aufgabe, eine Atmosphäre in der Gruppe anzuregen, die szenischen Prozessen förderlich ist. Darüber hinaus hat er eine beobachtende und strukturierende Funktion. Beim psychoanalytischen Psychodrama obliegt es ihm auch, Spielverläufe und Gruppenprozesse zu deuten.
Moreno forderte, dass sich das Psychodrama flexibel und kreativ an die jeweiligen Anforderungen anzupassen hätte. Vor allem das Rollenspiel wurde zu einem selbstverständlichen Bestandteil vieler pädagogisch-didaktischer Settings, zum Beispiel in der Wirtschaft, in der Schule, der Erwachsenenbildung, der Aus- und Weiterbildung und in der Supervision.
Theoretischer Hintergrund
Obwohl es auch psychoanalytisch orientiertes Psychodrama gibt, wird das Psychodrama den humanistischen Psychotherapiemethoden zugerechnet. Ziel dieser Therapiemethode ist die Freisetzung des kreativen Potenzials im Menschen durch spielerisches Darstellen von für den einzelnen wichtigen Lebenssituationen. Durch das Nachspielen, durch aktives Gestalten, körperliches wie emotionales Einfühlen und Identifizieren wird das bloße Anschauen des eigenen Bildes angereichert und verfügbar gemacht. Über das Rollenspiel und die anschließende Reflexion aus bisher gelebten alten "Rollen" wird es dem Klienten ermöglicht, neue Sichtweisen und Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln. Die Wahrnehmung der eigenen Gefühle im Hier und Jetzt wird geschärft, die individuelle Wirklichkeit des Klienten wird ins Zentrum gestellt. Das Psychodrama stellt die Psyche selbst und ihre Probleme auf die Bühne. Es zeigt den Klienten ihre eigene Identität, ihr Selbst, wie in einem Spiegel. Die Wurzeln seelischer Störungen werden darin gesehen, dass die einer Situation entsprechenden Handlungsstrategien fehlen oder nicht angemessen eingesetzt werden können. Psychodrama wird überwiegend in der Gruppe angewandt.
Zur Geschichte des Psychodramas
Der Begründer des Psychodramas, Jacob Levi Moreno (1889-1974), studierte in Wien Medizin und Philosophie und verkehrte schon früh in Dichter- und Theaterkreisen. In den zwanziger Jahren gründete er das so genannte Stegreiftheater in Wien. Den eigentlichen Ursprung des Psychodramas findet man in den Spielen der Kinder, die Moreno in den Wiener Parks beobachtet hat. In der Beobachtung der Spiele fand er die Elemente seiner späteren Psychodramatherapie: spontane Improvisation, szenische Darstellung und kreative Lösungen von Konflikten, Rollenübernahme, Rollentausch und Rollenspiel. 1925 emigrierte Moreno in die Vereinigten Staaten und gründete in Beacon ein psychiatrisches Privatsanatorium, dem ein therapeutisches Theater angeschlossen war. Seit 1952 war er Professor an der Universität New York und schrieb ferner grundlegende Werke zur Theorie der Soziometrie, des Psychodramas, der Gruppenpsychotherapie, des Rollenbegriffes und der Kreativität.