Das psychoanalytische Entwicklungsmodell
Nahezu alle psychologischen Schulen stimmen heute darin überein, dass die richtungsweisenden Weichenstellungen für die spätere Persönlichkeitsentwicklung in der Kindheit erfolgen. Bevor das Kind eine "Persönlichkeit" wird, muss es verschiedene Entwicklungsphasen durchlaufen: die orale Phase, die anale Phase und die ödipale Phase.
Die orale Phase
In der ersten Phase der Entwicklung wird Lust über eine Reizung der Lippen und Mundschleimhäute im Zusammenhang mit der Nahrungsaufnahme durch Saugen, Schlucken, Lutschen und Beißen gewonnen - daher orale Phase. Der "Nahrungshunger" deckt sich in dieser frühesten Phase der menschlichen Entwicklung noch mit dem "Beziehungshunger" und der Sehnsucht nach Hautkontakt, Wärme und Geborgenheit, die nur durch die Anwesenheit eines anderen Menschen, in den meisten Fällen der Mutter, gestillt werden kann. Unabhängig davon, ob der Säugling hungrig oder "gefühlshungrig" ist - er erlebt diesen Mangel in gleicher Weise als diffuse, unlustvolle Spannung.
Entsprechend dieser frühen Dynamik gehören zu den positiven Seiten des oralen, nicht frustrierten Charakters unerschütterliches Vertrauen, Optimismus und Wissbegierde. Für oral frustrierte Menschen ist hingegen die Unfähigkeit zu warten, Rast- und Ruhelosigkeit, geringe Spannungs- und Frustrationstoleranz sowie ein gieriges, drängendes Wesen typisch.
Da der Säugling seine Ich-Funktionen noch nicht wahrnehmen kann, muss die Mutter in dieser Zeit die Rolle eines außerhalb seiner selbst existierenden Hilfs-Ich einnehmen. Der Säugling ist gierig, fordert, verschlingt, "verleibt sich die Welt ein". Die Mutter gibt, stillt, sättigt, wird "verschlungen" und "einverleibt".
Darüber hinaus reguliert sie durch einfühlsame Zuwendung das Spannungsniveau des Säuglings. Sie beruhigt, wenn die Spannung wächst, schützt und regt an, wenn er sich einsam fühlt oder langweilt. Das Ausmaß der Ich-Stärke, das ein Mensch erwirbt, hängt entscheidend von den positiven Erfahrungen und der Fürsorge in diesem frühesten Lebensabschnitt ab.
Eine spannungsreiche Beziehung zur Mutter oder deren Ersatz, Unregelmäßigkeiten und Widersprüchlichkeit in der Fürsorge (Wechsel zwischen Verwöhnung und Vernachlässigung) und fehlendes Einfühlungsvermögen stören die Ich-Entwicklung erheblich.
Nachdem für beide Geschlechter das erste Liebesobjekt die Mutter (eine Frau) ist, beginnt das Liebesleben eines Knaben heterosexuell, das eines Mädchens homosexuell. Aus der Sicht der Frau bringt sie mit einem männlichen Kind ihren potentiellen Liebhaber zur Welt. Mit der Geburt eines weiblichen Kindes schenkt sie ihrer späteren Rivalin das Leben. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Mutter-Tochter-Beziehung auf Grund der latenten Rivalität ein höheres Konfliktpotential in sich birgt. Sie bringt sämtliche Voraussetzungen mit, die für ein späteres Drama benötigt werden.
Die ersten Kommunikationsmuster
Die Unterschiede im frühkindlichen Pflegeverhalten wiegen umso schwerer, weil der Verlauf dieser ersten Lebensphase für die psychosexuelle Entwicklung eines Menschen von größter Bedeutung ist. In diesem Lebensabschnitt wird der Grundstein für das Selbstvertrauen und die Kontaktsicherheit im Umgang mit anderen gelegt. In der Interaktion mit der Mutter bilden sich die ersten Kommunikationsmuster, irreversible Strukturen, vergleichbar mit dem Fundament eines Hauses. Diese frühkindliche Prägung gibt weitgehend die Möglichkeiten und Grenzen der späteren Entwicklung vor.
Aus verständlichen Gründen ist die Mutter-Kind-Beziehung in diesem frühen Lebensstadium noch sehr einseitig ausgerichtet. Der Säugling ist bedürftig und verlangt. Die Aufgabe der Mutter ist es, diese Signale richtig zu verstehen und seine Bedürfnisse zu stillen. Die Regulation des inneren Gleichgewichtes eines Säuglings hängt somit fast zur Gänze vom Einfühlungsvermögen der Mutter ab, auf das Reizangebot des Kindes mit dem richtigen, spannungsvermindernden Antwortmuster zu reagieren. Die Fähigkeit zu bemuttern hängt natürlich stark von den lebensgeschichtlichen Erfahrungen einer Frau ab. Je nachdem, wie sie selbst Mütterlichkeit erfahren hat, wird sie mehr oder weniger gut in der Lage sein, auf die Bedürfnisse ihres Kindes einzugehen.
Übermäßige "orale" Versagungen können ein Kind genauso an die Befriedigungsmuster dieser Entwicklungsstufe fixieren, wie neurotische Verzärtelung und überfürsorgliches Verhalten. Ein befriedigender Verlauf der oralen Entwicklungsphase führt zu Selbstvertrauen und Optimismus. Oral frustrierte Menschen hingegen sind oft neidisch, pessimistisch. In Beziehungen machen sie sich leicht abhängig, ohne aber wirkliche Nähe zuzulassen. Mit Spannungen und Enttäuschungen werden Sie nur schwer fertig. Sie können nicht warten und ihre Gier kaum unter Kontrolle halten.
Die Mutterimago
Ein hinlänglich befriedigender Verlauf der ersten Lebensphase führt jedoch nicht nur zur Verinnerlichung der positiven mütterlichen Qualitäten, sondern auch zur Ausbildung einer positiven "Mutterimago". Imago kommt aus dem Lateinischen und lässt sich am besten mit "Bild" übersetzen. In der Psychologie geht es um das Bild, das jemand von einem oder mehreren Menschen oder einer Sache hat. Eine Beziehung ist dann imaginär, wenn sie nur in der Phantasie besteht, aber nicht wirklich ist. In vieler Hinsicht ähnelt die Imago einem Vorurteil, welches nur in unserer Vorstellung existiert und von der Realität unberührt bleibt. Und es ist bekanntlich kaum möglich, Vorurteile durch Sachargumente zu entkräften.
Der Begriff "Imago" wurde ursprünglich von C. G. Jung in die Psychoanalyse eingeführt. Er verstand darunter die unbewusste kreative Verarbeitung von Wahrnehmungen auf der Grundlage bereits bestehender archaischer Vorbilder.
Die ersten "imaginierten" Bilder, von denen sich alle späteren Objekt- und Beziehungsvorstellungen ableiten, entstehen in der symbiotischen Beziehung zur Mutter. Sie sind phantasievolle Abbildungen der nährenden, Geborgenheit spendenden, anwesenden Mutter, oder umgekehrt, der abwesenden, sich verweigernden, "bösen" Mutter, die in unserem Inneren gespeichert werden. Diese beiden Gefühlszustände können als Vorbild für die Himmel-Hölle-Dualität gewertet werden. Der gesättigte Zustand absoluter Bedürfnis- und Spannungslosigkeit wäre die Metapher für das Paradies. Die ungestillte Begierde und Einsamkeit im Hunger der Archetyp für die ewige Verdammnis.
Wie es bei schöpferischen Produktionen üblich ist, wird das Vorbild nie vollkommen naturgetreu abgebildet. Oft weisen diese inneren Bilder nur mehr eine vage Übereinstimmung mit dem Original auf. Bei der Imago handelt es sich daher nicht bloß um eine verinnerlichte Abbildung eines äußeren Objektes, sondern um eine neu hergestellte Schöpfung desselben in der inneren Welt. So kann zum Beispiel die phantasierte Beziehung zur Mutter völlig von der wirklichen abweichen, die Imago der bösen Mutter - im Märchen die Stiefmutter oder Hexe - mit einer in der Realität unauffälligen Mutter übereinstimmen.
Dieses imaginierte Bezugssystem befindet sich in einer ständigen Wechselwirkung mit der realen Außenwelt. Wie jemand die Vorgänge in der äußeren Welt deutet, hängt nicht zuletzt von den schon existierenden Bildern der inneren Welt ab. Sämtliche Beziehungen, die jemand im Leben aufbaut, sind immer eine Mischung aus Realität und Phantasie. Je stärker die phantasierte Beziehung von der realen abweicht, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es im weiteren Verlauf dieser Beziehung zu einer Desillusionierung kommt.
Die "imaginierte" Beziehung zur Mutter sowie das verinnerlichte "Bild" der Mutter scheinen eine fundamentale Bedingung für eine erfolgreiche Sozialisierung zu sein. Menschen, die ein negatives Mutterbild verinnerlicht haben, haben es schwer, Empathie und Liebesfähigkeit zu entwickeln.
Die anale Phase
Die bekannten Hauptmerkmale des analen Charakters - Sauberkeit, Sparsamkeit, Eigensinn und Ordnungsliebe - lassen sich auf jene Phase zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr zurückführen, in der das Kind die Kontrolle über seine Ausscheidungsfunktionen erwirbt. In diesem Zeitraum wird Lust vorwiegend aus der Analerotik gewonnen. Indem Kot und Urin zurückgehalten werden, kommt es zu einem Spannungsanstieg durch eine Reizung der Darmschleimhaut beziehungsweise Dehnung der Harnblase. Lust wird auch durch den abrupten Spannungsabfall beim Entleeren von Harn und Darminhalt gewonnen.
Diese Stufe der Triebentwicklung lässt sich durch das Zusammenspiel der Gegensatzpaare "aktiv - passiv", "zurückhalten - loslassen", "herrschen - beherrscht werden", "Macht - Ohnmacht", treffend beschreiben.
In dieser Lebensspanne schwankt das Kind entsprechend den Ausscheidungsfunktionen zwischen Zerstörung und Bewahrung seiner Objekte und der zu ihnen bestehenden Beziehungen. Jeder kennt die Situation, in der ein Kind dieses Alters ein Haus aus Bauklötzen baut und dieses nach der Fertigstellung lustvoll zerstört. Dieser Entwicklungsabschnitt ist auch unter der Bezeichnung "Trotzphase" bekannt. Das Wesentliche am Trotz ist, dass ein Kind seinen Eltern sehr deutlich zeigt, wie böse es ist. Gleichzeitig aber bleibt es in der trotzigen Verweigerung fester denn je an die Eltern gebunden. Trotz braucht ein Gegenüber.
Das Entstehen von Zwängen
Traumatische Erlebnisse in diesem Zeitraum, etwa als Folge einer harten, gewalttätigen Erziehung, begünstigen die Entstehung von sadomasochistischem oder zwanghaftem Verhalten. Unter "Zwängen" versteht man Handlungen oder Gedanken, die der Betreffende gegen sein bewusstes Wollen ausführen oder denken muss. Sie dienen oft dazu, verbotene, weil asoziale, sexuelle oder aggressive Wünsche - etwa Vernichtungswünsche, Vergewaltigungswünsche, Besudelungswünsche, die gleichzeitig schwere Schuldgefühle hervorrufen - durch Zwangsrituale ungeschehen zu machen oder zu neutralisieren.
In vielen Fällen führt die ins Bizarre gesteigerte Zwangsordnung genau zu dem Chaos, das durch sie eigentlich hätte vermieden werden sollen. Aber auch in anderen Phänomenen, wie Entscheidungsunfähigkeit oder Zweifeln, zeigt sich die hochgradige Ambivalenz von Bewahren und Zerstören, Liebe und Hass. So ist die eigentliche Botschaft des jeweiligen Zwanges das, was mit dem Zwang verhindert werden soll.
Während es in der ersten Lebensphase hauptsächlich um die Einverleibung geht, steht in der zweiten die Ausscheidung (direkt und symbolisch) im Mittelpunkt des Triebgeschehens. Auch die Inhalte dieser Phase sind für die Ausbildung der inneren Welt von größter Bedeutung. Wie wirklichkeitsgetreu die äußere Welt im Erwachsenenalter wahrgenommen und interpretiert wird, hängt weitgehend von der Entfaltung und emotionalen Färbung dieser inneren Welt ab.
Psychische Schutzmechanismen
Die Spaltung, Verleugnung und Idealisierung sind zwar die frühesten, aber nicht die einzigen Abwehrmechanismen, die einem kleinen Kind zur Verfügung stehen, um sich vor bedrohlichen inneren Bildern oder Triebregungen zu schützen. In Anlehnung an den Ausscheidungsvorgang versucht es, auch in seinen Phantasien die guten, Lust spendenden Objekte zu behalten und die schlechten, bedrohlichen, auszuscheiden, also nach außen zu projizieren. Dem einfachen Prinzip gehorchend, was ihm schmeckt, das schluckt es, was ihm nicht schmeckt, das spuckt es aus. Die "guten" Objekte wandern ins Kröpfchen, die schlechten landen im Töpfchen. Im psychischen Bereich nennt man diesen Vorgang "Projektion".
Bei der Projektion handelt es sich um einen sehr frühen psychischen Schutzmechanismus, bei dem unlustvolle Affekte, verbotene Wünsche oder Absichten nicht bei sich selbst wahrgenommen, sondern auf das Umfeld projiziert werden. Als Folge dieses psychischen Abwehrvorganges ist das Böse aus dem eigenen Bereich gebannt. Man selbst ist danach nur noch gut. Schlecht und schuldig sind immer die anderen.
Im späteren Leben ist dieser frühe Abwehrmechanismus vor allem für paranoide Reaktionsmuster verantwortlich. Paranoiker fühlen sich ununterbrochen verfolgt und bedroht, ohne zu merken, dass eigentlich sie der Verfolger und Aggressor sind. Es ist so, wie wenn ein Mensch über sein eigenes Bildnis erschrickt, weil er nicht erkennt, dass er in einen Spiegel schaut.
Ein ähnlicher Mechanismus liegt manchen Formen der Eifersucht zugrunde. Solcher Art Eifersüchtige projizieren unbewusst ihre eigenen Untreuewünsche auf ihren Partner, was zur Folge hat, dass sie an dessen Treue und Loyalität zu zweifeln beginnen.
Die Lust an der Macht
Zwischen dem ersten und dem dritten Lebensjahr wird ein Kind aber nicht nur sauber, es lernt auch laufen und sprechen. Üblicherweise war es schon vorher gut in der Lage, lautmotorisch kund zu tun, was ihm behagt und was nicht. Aber die neu erworbenen Fähigkeiten eröffnen einem Kind nun eine Vielzahl an zusätzlichen Möglichkeiten, die Macht des eigenen Willens an der Nervenkraft seiner Eltern zu erproben.
Sehr bald entdeckt das Kind ein Zauberwort: Nein. Nein rufen Mama und Papa, wenn es etwas tut, was es nicht tun sollte. Nein schreit es selbst, wenn es sich dem Willen seines Umfeldes widersetzen möchte. Zum ersten Mal gerät das bewusste Wollen eines Kindes mit den Anforderungen der Realität in Konflikt. Mit voller Wucht prallen die ungezügelten Wünsche des Kleinkindes mit den in der Mutter (Vater und so weiter) verkörperten gesellschaftlichen Normen aufeinander. Die Verweigerung, die es mit seinem ersten Nein zum Ausdruck bringt, ist für dieses Lebensstadium nicht nur typisch, sie ist auch von größter Bedeutung. Ist sie doch sichtbarer Ausdruck der beginnenden Abgrenzung von der Mutter. Dabei kommen dem Kind seine körperlichen Fähigkeiten entgegen. Es kann sich von der Mutter entfernen, ihr "davonlaufen", es kann sich verstecken und wieder auftauchen und es kann Schränke ausräumen. Mit größter Lust wirft es mit Gegenständen und erwartet prompt, dass sie ihm wieder gebracht werden.
Natürlich muss das Kind in seinem unbändigen Treiben eingeschränkt werden. Schon zu seiner eigenen Sicherheit. Doch welches Kleinkind lässt sich schon freiwillig einschränken? Ein nervenzermürbender Machtkampf mit ihrem Kind bleibt den meisten Eltern nicht erspart. Geschlechtsspezifische Verhaltensunterschiede zwischen männlichen und weiblichen Kindern lassen sich in dieser Phase noch nicht erkennen.
Nachdem ein einjähriges Kind zu Beginn der analsadistischen Triebstufe noch nicht in der Lage ist, kreativ die Welt umzugestalten, beschränkt es sich auf zerstörende Akte, um seine neu entdeckte Lust an der Macht zu befriedigen. Es müssen bloß ein paar Bausteine aufgetürmt werden und schon fährt das Kind, mit lustvoll-sadistischem Glanz in den Augen dazwischen und wirft sie um. Auch die berühmt berüchtigten Trotzanfälle unterscheiden sich bei Jungen und Mädchen nicht im geringsten.
In der Psychologie ist es mittlerweile Tradition geworden, die unvermeidlichen Machtkämpfe, die sich in diesem Alter aus den ungehemmten Triebansprüchen des Kindes und den von ihm geforderten sozialen Leistungen ergeben, am Beispiel der Reinlichkeitserziehung darzustellen. Heute, im Zeitalter der Waschmaschinen und Wegwerfwindel drehen sich die realen Auseinandersetzungen aber nur mehr selten um das "Töpfchen" als solches. Viel häufiger spielen sich diese Machtkämpfe im Alltag, auf der Straße, im Supermarkt oder in der Wohnung ab, wenn das Kind immer gerade das tun will, was es auf keinen Fall tun sollte. Natürlich stellt nicht nur sein Verzicht auf die unmittelbare Darm- oder Blasenentleerung, sondern auch seine Fähigkeit zu warten oder auf die Erfüllung bestimmter Wünsche gänzlich zu verzichten, eine große psychische Leistung dar. Diese erbringt es entweder den Eltern zuliebe oder aber aus Furcht vor Bestrafung.
Die Auswirkung der frisch erworbenen Kontrolle über die Ausscheidungsfunktion auf die psychosexuelle Entwicklung darf nicht unterschätzt werden. Die Fähigkeit, Harn und Stuhl nach Belieben zurückzuhalten und loszulassen, führt beim Kind zu völlig neuartigen Körpersensationen und erweitert das Spektrum seiner Lustmöglichkeiten entscheidend. Diese beschränken sich nun nicht mehr nur auf passive Formen der Befriedigung (zum Beispiel gestillt zu werden). Von jetzt an kann es auch aktive Ziele verfolgen (zum Beispiel durch Zurückhalten des Stuhles aktiv Lust herbeiführen). Nach und nach wird es dem biblischen Auftrag gerecht und "macht sich die Welt untertan". Die Beherrschung des Bewegungsapparates und der Erwerb der Sprache kommen ihm dabei natürlich entgegen.
Kein Wunder also, dass diese Phase vor allem durch krasse Gegensätze charakterisiert wird. Wie eben "loslassen und zurückhalten" oder "aktiv und passiv". Auch in seiner gefühlsmäßigen Beziehung zur Außenwelt schwankt das Kind in Anlehnung an die Ausscheidungsfunktion zwischen "verweigern - nachgeben", "zerstören - bewahren", "herrschen - beherrscht werden", "Macht und Ohnmacht".
Die ganze Bandbreite sadomasochistischer Verhaltensweisen im Erwachsenenalter trägt unverkennbar die Spuren dieser frühen Phase der menschlichen Triebentwicklung ab.
Es ist ein weit verbreiteter Aberglaube, dass Frauen der phantasierten und spielerischen Gewalt in der Sexualität weniger abgewinnen können als Männer. Die Tatsache, dass die erotischen Tagträume von Frauen eher masochistisch und die von Männern sadistisch ausgerichtet sind, scheint eine Folge der unterschiedlichen biologischen Voraussetzungen zu sein. In Übereinstimmung mit der Beschaffenheit der Geschlechtsorgane - die Frau verfügt über das aufnehmende, der Mann über das eindringende Sexualorgan - könnten auch die männlichen und weiblichen Sexualphantasien komplementär aufeinander abgestimmt sein.
Die phallisch-narzisstische (ödipale) Phase
Zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr bekommen die Geschlechtsorgane als Lustquelle Bedeutung. Aus allen Formen der kindlichen Selbstbefriedigung wird Lust gewonnen: Reiben, Drücken, Schaukeln, Drehen, Berühren, Schauen und Beschaut werden - das sind die Erregungsmomente dieser Jahre. Gleichzeitig beginnen die so genannten "Doktorspiele". Die Kinder entdecken und erforschen ihr eigenes Geschlecht und das anderer und werden so auf den Geschlechtsunterschied aufmerksam. Der männliche Penis wird in dieser Zeit von Jungen und Mädchen maßlos überschätzt. Sogar magische Fähigkeiten werden dem "Zauberstab" zugeschrieben. Die Buben fürchten, diesen kostbaren Stab zu verlieren. Mädchen dagegen fühlen sich oft unterlegen, weil sie dieses Wunderding entbehren müssen. Als Ausgleich besetzen sie von früh an ihren gesamten Körper narzisstisch und legen auf ihr Aussehen und ihre Kleidung größten Wert.
Wie eng die Vorstellung von Macht und Überlegenheit zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr an die Existenz des realen Phallus geknüpft ist, lässt sich an den wilden Kampfspielen von Jungen dieses Alters erkennen. Jedes Ding, das sich nur irgendwie dazu eignet, wird sofort zu einem Schießprügel umfunktioniert. Man muss schon sehr blind sein, um zu übersehen, was die Gewehre, Revolver, Schwerter, Lanzen und Keulen in dieser Zeit symbolisieren. Der Inhalt der Spiele dreht sich fast immer darum, wer stärker und mächtiger ist. Oder offen ausgedrückt: Wer den "größeren" hat.
Kein Wunder also, dass männliche Kinder ihren Phallus hochschätzen und Mädchen, die kein solches Imponier-Organ haben, darauf mit heftigen Neidgefühlen reagieren. Der Besitz des Penis ermöglicht ja nicht nur die Paarbildung mit der Mutter, er ist auch ein Sinnbild der Unabhängigkeit, Macht und Überlegenheit seines Trägers. Er versetzt den Mann in die Lage, eine Frau auch gegen ihren Willen zu nehmen. Eine Möglichkeit, die umgekehrt der Frau nicht zur Verfügung steht. Nicht nur, weil sie dem Mann körperlich unterlegen ist, sondern weil sie auch auf seine Erektion angewiesen ist, die sie beim besten Willen nicht erzwingen kann. Dieses biologische Ungleichgewicht macht die Frau vom Mann gleich in zweifacher Hinsicht abhängig, sie ist der schwächere Teil und sexuell von der Potenz des Mannes abhängig. Dass Frauen angesichts einer solchen Benachteiligung mit Wut und Neid reagieren, liegt auf der Hand.
Die Auswirkungen des Neidkomplexes
Im Leben geht es Frauen, die unter dem Einfluss dieses Neidkomplexes stehen, nicht um Erfüllung, sondern um Zerstörung. Genauer gesagt - um die "Kastration" der Person, die das begehrte Objekt besitzt. Nun muss das nicht immer der Mann sein, wie auch der narzisstische Phallus nicht immer mit dem fleischlichen Penis gleichzusetzen ist. Phallische Frauen, die ihren frühkindlichen Neidgefühle nicht überwunden haben, lassen sich auch in der Sexualität oft von der unbewussten Formel leiten: "Du kannst zwar meinen Körper besitzen, aber meine Liebe wird dir nie gehören". Der Liebhaber kann sich beim Geschlechtsverkehr noch so bemühen, die Hingabe der Frau bleibt ihm versagt. Indem sie ihm vor Augen führt, dass er nicht imstande ist, sie zu befriedigen, kastriert sie ihn im übertragenen Sinn. Dahinter verbirgt sich der infantile Rachewunsch der phallischen Frau: Sie kann zwar den realen Penis des Mannes nicht zerstören, aber sie kann ihm seine Potenz rauben, eine Frau zu befriedigen. Die im Penisneid verwurzelten Hingabe- und Orgasmusstörungen gehören zu den verbreitetsten Sexualstörungen bei Frauen. Solche Frauen nehmen ihre eigene Unbefriedigung in Kauf, nur um den Mann um den vermeintlichen Triumph zu bringen, sie besessen zu haben.
Umgekehrt kann auch der Besitz des Phallus beim männlichen Kind zu schweren psychischen Konflikten führen, deren Wurzeln oft in der Beziehung zum Vater zu finden sind. Auch wenn der Vater ausgesprochen nett ist, wird der kleine Junge wegen seiner unerfüllbaren ödipalen Wünsche (die Mutter zu besitzen) ihm gegenüber Neid und Hass entwickeln. Um wieviel stärker werden diese feindseligen Regungen aber erst, wenn sich der Vater nicht nur als phantasierter, sondern durchaus als realer Feind darstellt? Wird der kindliche Hass des Sohnes durch die väterliche Erziehung, etwa durch demütigende Erziehungspraktiken, unnötig gesteigert, unterbleibt die erfolgreiche Verarbeitung dieser destruktiven Affekte. In seiner gefühlsmäßigen Beziehung zum Vater schwankt der Junge dann zwischen angstvoller Unterwürfigkeit, trotziger Verweigerung, Hass und Schuldgefühlen.
Die Angst, die hier ins Spiel kommt, wird in der Psychoanalyse Kastrationsangst genannt. Nur wenige Menschen können sich darunter etwas vorstellen. Vereinfacht ausgedrückt handelt es sich bei ihr um die Angst eines kleinen Jungen vom Vater gewaltsam zur Frau gemacht zu werden. Der phantasierten Kastrationsdrohung liegen infantile Kastrationswünsche zugrunde. Die ursprüngliche Kastrationsdrohung geht nämlich vom Sohn aus und entspricht seinem Neid auf das größere und daher auch überlegene Genital des Vaters.
Die psychische Kastration
Die psychische Kastration, dass ein Mann einen anderen zur "Frau" macht, spielt sich natürlich auch unter Erwachsenen ab. In amerikanischen Gefängnissen wird zum Beispiel fast jeder junge Mann sexuell angegangen und nach der Kerkerdevise "fight or get fucked" entscheidet sich in dieser Zeit, ob er sein Geschlecht behalten darf oder nach der ersten Vergewaltigung für die gesamte Dauer seines Aufenthaltes als Opfer stigmatisiert ist. Wer einmal penetriert worden ist, gilt als punk, als Schwächling oder Feigling, der nicht kämpfen kann oder will.
Diese Vergewaltigungen entscheiden natürlich, welchen Platz ein Mann in der Hierarchie einnimmt. Solche Vergewaltigungen finden unter Männern auch indirekt laufend statt. Etwa bei Überholduellen auf Landstraßen oder Kreuzungen. Oder beim Fußballspiel. Alleine das Szenario des Fußballspieles spricht Bände. Ausgangspunkt ist, dass zwei in der Regel männliche Mannschaften einander gegenüberstehen, wobei jede über eine Öffnung - die Toröffnung oder das Fußballtor - verfügt, die sie vor der anderen Mannschaft mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln verteidigen muss.
Gleichgültig, ob man die Toröffnung als Symbol für den männlichen Anus oder für die weibliche Vagina deutet, der Sinngehalt wird dadurch nicht verändert: Auf der heterosexuellen Ebene entspricht dieser Vorgang dem Kampf zweier Schlachtreihen, wobei die Unterlegenen zulassen müssen, dass die Siegreichen in ihre Frauen (symbolisiert durch das Fußballtor) eindringen (sie vergewaltigen), weil sie deren "Öffnungen" nicht mehr verteidigen (schützen) können. Vereinfacht ausgedrückt bedeutet das: Zwei Männer rivalisieren um eine Frau. Einer von beiden drängt, der andere stellt sich ihm entgegen. Bis einer schließlich siegreich aus dem Kampf hervorgeht, dem dann die Frau (das Tor) zugesprochen wird.
Auf der homosexuellen Ebene wird der Verlierer selbst zur Frau gemacht (kastriert), indem er sich dem Stärkeren unterwerfen, ihm also seine eigene "Öffnung" zur Verfügung stellen muss. (Alleine die Redewendung: Der Tormann hat sein Tor "rein" gehalten, deutet die Beziehung zur Analität, aber auch zur Virginität an. Ebenso besteht eine gewisse Affinität zwischen dem erfolgreichen "Torschuss" und der Ejakulation). Der Torerfolg, der bei der einen Mannschaft zu euphorischen Größengefühlen führt, bedeutet für die andere demnach Demütigung, Kastration, Vergewaltigung und erzwungene Defloration.
Seine Interessen durchsetzen
Der Ausgang dieses ersten gleichgeschlechtlichen Rivalitätsverhältnisses - das von Freud als "ödipale Situation" bezeichnet wurde, entscheidet weitgehend darüber, wie Männer und Frauen im späteren Leben in der Lage sind, ihre Interessen durchzusetzen. Die ganze Palette der Beziehungsprobleme, wie zum Beispiel übermäßige Eifersucht, Konkurrenzängste, Kontaktschwierigkeiten, Minderwertigkeitsgefühle und viele sexuelle Ängste können Folgen dieser ersten Dreiecksbeziehung sein, die - nicht anders als vergleichbare Beziehungen Erwachsener - eben von Rivalität beherrscht wird.
Wie Männer miteinander rivalisieren, ist bekannt: Der Stärkere, Potentere, Mächtigere gewinnt die Frau. Wer den "Kürzeren" zieht, verliert. Frauen, die auf ein sichtbares und messbares "Kampforgan" verzichten müssen, tragen ihre Rivalität nur selten im offenen Zweikampf aus. Häufig entscheidet erst die Wahl des Mannes darüber, welche Frau sich als die Schönere, Mächtigere und Potentere fühlen darf. Der Mann hat dann keine andere Rolle als die des Zauberspiegels im Märchen von Schneewittchen.
"Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?" Eine Frage, die schon die griechischen Göttinnen anlässlich der Hochzeit von Peleus und Thetis beschäftigte und deren Klärung zum trojanischen Krieg führte. In Schneewittchen erkennen wir Aphrodite, die griechische Göttin der geschlechtlichen Liebe und Schönheit. Im "Zauberspiegel" den Heros Paris, den Prinzen von Troja, der im Schönheitswettbewerb der Göttinnen als Schiedsrichter fungierte. Auch der goldene Apfel, den Eris, die Göttin der Zwietracht, aus Rache, weil sie nicht zum Hochzeitsmahl eingeladen wurde, unter die Hochzeitsgäste warf, taucht im Märchen von Schneewittchen auf. Das Gift, mit dem er vergiftet wurde, ist seine Aufschrift: "Wer ist die Schönste?".
Der Mythos macht unmissverständlich klar, worin sich die weibliche von der männlichen Rivalität unterscheidet: Während Männer stärker, potenter sein wollen, geht es in der Rivalität zwischen Frauen um die Schönheit und die weibliche Anziehungskraft. Die weibliche Anziehungskraft ist das phallische Gegenstück zum männlichen Penis. Eine Frau ist um so potenter, um so heftiger das Begehren ist, das sie bei Männern hervorruft.