Wenn es passt und doch nicht passt
"Gegensätze ziehen einander an" - daran gibt es keinen Zweifel. Wenn sich zwei Menschen kennen lernen, von denen jeder die positiven Eigenschaften mitbringt, die der andere an sich selbst vermisst, dann ist eine starke gegenseitige Attraktion oft vorprogrammiert. Die wird allerdings in dem Augenblick getrübt, wo sich Unterschiede im Lebensstil und in Wertvorstellungen bemerkbar machen, die sich aus den zunächst bewunderten Qualitäten des anderen zwangsläufig ergeben: So kann für die zur Spontaneität neigende Lebenskünstlerin Ordnung eine unerträgliche Einschränkung bedeuten, während der disziplinierte Leistungsmensch sich von ihrem Hang zum Chaos in seinem Innersten bedroht fühlt. Gelingt es den beiden, voneinander zu lernen und ihre aus den unterschiedlichen Charakteren resultierenden Lebensstile unter einen Hut zu bringen, so kann die Beziehung für beide Teile überaus bereichernd sein. So etwa könnte die fröhliche Chaotin von ihm zielgerichtete Lebensgestaltung lernen, er von ihr dagegen, dass Lebenserfolg nicht unbedingt identisch ist mit Leistung.
Die Blockaden
Fühlt sich dagegen der eine durch den anderen ständig gestört oder provoziert und bleiben die anfangs beziehungsstiftenden Eigenschaften jeweils Monopol des einen Partners, so wird Entwicklung verhindert. In einer solchen Situation bauen sich Aggressionen auf und ein gemeinsames Weiterkommen im Leben kann blockiert werden.
Über die charakterliche Disposition hinaus beeinflussen kulturelle, religiöse und familiäre Traditionen, was für den einzelnen in seinem Alltag wichtig ist und welche Ziele er im Leben erreichen möchte. Vieles davon, insbesondere die Lebenszielsetzung, wird kaum vom Bewusstsein reguliert, sondern ist tief in der Persönlichkeit verwurzelt. Es bedarf eines hohen Maßes an Selbstreflexion, um die eigenen Wertvorstellungen zu ergründen und auf ihre Relevanz im gegenwärtigen Kontext zu prüfen. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sind zurzeit einem rasanten Wandel unterworfen, und da passiert es leicht, dass die seelischen Anpassungsprozesse hinterherhinken.
Prioritäten setzen
Eine Vielzahl von Konfliktsituationen lässt sich zur Zufriedenheit der Beteiligten lösen, wenn sie unter diesem Gesichtspunkt analysiert werden - das bedeutet, kleinweise auseinander zu klauben, was für das eigene Leben wirklich wichtig ist und was eher als Ballast zu betrachten und daher abzuwerfen ist. In der Folge kann es dazu kommen, dass materielle Ansprüche zugunsten von mehr Freizeit aufgegeben oder Bekanntschaften beendet werden, wenn sie ihren Wert verloren haben. Während der eine beschließt, beruflich zurückzustecken, weil er sonst seine Gesundheit gefährden würde, kann es sein, dass ein anderer sich für einen neuen Job weiterbildet, weil er darin seine Lebenserfüllung sieht. Derartige Veränderungen müssen unter den Partnern ausgehandelt werden, da die Lebensumstände beider davon betroffen sind. Manchmal wird es auch nötig sein, Kompromisse zu schließen, wenn die Beziehung nicht übermäßig belastet werden soll.
Bei Paaren, die einen ähnlichen "Background" aufweisen, sind Wertekonflikte weniger wahrscheinlich als bei sehr unterschiedlichen Partnern. Ihnen fällt es leichter, einen Gleichgewichtszustand herzustellen. Doch sorgen unbewusste Mechanismen dann derart effizient für die Aufrechterhaltung des Gleichgewichtes, dass ebenfalls keine Entwicklung zugelassen wird, denn sie würde die Balance zerstören. Der Preis: lähmende Langeweile.
Auch "Gleich und gleich gesellt sich gern" ist kein Patentrezept für eine glückliche Partnerschaft.