Lust ermöglichen

Haben früher ökonomische und soziale Zwänge die Partnerschaften lebenslang zusammengehalten, so erwarten wir heute, dass die hochempfindlichen Kräfte Leidenschaft und Sex das Gleiche Zustandebringen. Sie werden damit aber hoffnungslos überbelastet. Zugleich wird eine Partnerschaft, die vor allem auf Freundschaft gegründet ist, als mangelhaft empfunden, wenn die sexuelle Aktivität abnimmt.


Eheliche Pflicht
In Langzeitbeziehungen geschieht es sehr leicht, dass sich, wie bei allem was sich oft wiederholt, auch beim Sex eine Routine einschleift. Das ist die Falle, in die Vertrautheit und emotionale Sicherheit eine stabile Beziehung locken können. Einige Jahre mag das zwar ganz bequem dahingehen, aber plötzlich stellt einer oder beide Partner fest, dass die Sache zur "ehelichen Pflicht" geworden ist.

Andererseits haben viele Menschen schon von Anfang an so viel Angst vor diesem Prozess, dass sie ihr Sexualleben ständig besorgt beobachten und schon im Vorhinein nichts unversucht lassen, um die Verflachung der Erregungskurven zu vermeiden. Das Problem dabei: Die Sexualität steht zu sehr unter Beobachtung und sie wird mit Idealvorstellungen von "wie es sein sollte" unter Druck gesetzt.

Und, als wäre all das nicht schon kompliziert genug, kommt dazu noch der Leistungsdruck: Zuverlässig, oft und möglichst multipel "zu können", kapitale Erektionen stundenlang zu halten - wenn nötig mit Hilfe von Viagra - beim Sex gute Figur zu machen, fantasievoll, zärtlich, geil zu sein - all das wollen Menschen mit einer Funktion erreichen, die von hochsensiblen endokrinen Prozessen in Wechselwirkung mit seelischen Befindlichkeiten gesteuert wird.

Kein Wunder, wenn die "natürlichste Sache der Welt" in einer tiefen Krise steckt.


Leistungsdruck
Nachdem die Flut der Sex-Ratschläge, die sich in den vergangenen Jahrzehnten über die Menschen der westlichen Welt ergossen hat, bisher vor allem Verunsicherung und Leistungsdruck erzeugt hat, warnen Psychotherapeuten heute zunehmend vor Patentrezepten. Sie weisen darauf hin, dass Sexualität lediglich einer von mehreren wesentlichen Aspekten einer Beziehung ist - für die einen mit höherem, für die anderen mit geringerem Stellenwert. Freundschaft, Verständnis, Vertrauen, gute Kommunikation, gute Zusammenarbeit im Alltag, gemeinsame Interessen, die Fähigkeit miteinander zu lachen, die gemeinsam absolvierte Lebensgeschichte, gemeinsame Projekte und vor allem gemeinsame Kinder sind andere enorm wichtige Aspekte.

Da sich die Partner in der Sexualität sehr nahe kommen und verletzlich sind, werden allerdings leicht Konflikte und Machtkämpfe, die sich in anderen Bereichen nur schwer austragen lassen, hierher verlagert. Daher sollte ein Paar, wenn einer oder beide Partner sich in der gemeinsamen Sexualität nicht wohl fühlen, nicht allzu lange warten und nach Lösungsmöglichkeiten, eventuell auch in Form therapeutischer Hilfe, Ausschau halten, dabei aber kühlen Kopf bewahren und feinfühlig miteinander umgehen. Vorwürfe und Forderungen bringen in diesem sensiblen Beziehungsbereich nichts. Liebevolles, ermutigendes aufeinander Eingehen dagegen schon.

Wie, wie oft, wann, wie lange sind Fragen, die jedes Paar für sich entscheiden soll. Voraussetzung: gutes Wissen über Sex. Es bedeutet, den eigenen Körper und den des Partners oder der Partnerin gut zu verstehen und Bescheid zu wissen über die Funktionen und Mechanismen von Sex, seine Evolution, seine Bedeutung in den verschiedenen Lebensphasen und das Zusammenspiel zwischen Seele und Körper. Das verleiht Gelassenheit und Souveränität.


Natürliche Abstinenz
Es ist ganz natürlich, wenn in einer Partnerschaft über längere Strecken - etwa in Zeiten starker beruflicher Anspannung, bei Arbeitslosigkeit, vor und nach einer Geburt oder wenn ein Partner unter einer Depression oder einer körperlichen Erkrankung leidet - sexuell nichts "los ist". Bei hohen Belastungen schalten Seele und Körper auf Notstandsbetrieb. Das bedeutet, dass alle sekundären Funktionen, und dazu gehört die Sexualität, eingefroren werden. Wenn die Belastung überstanden ist, pendelt sich das Körper-Seele-System wieder auf Normalbetrieb ein.

In der Konsumgesellschaft ist es selbstverständlich, dass alle Bedürfnisse sofort und optimal erfüllt werden können. Diesen Anspruch stellen wir auch an unser Beziehungsleben. Doch kann das nicht gut gehen, denn Menschen sind keine computergesteuerten Logistiksysteme. Weder von einem selbst noch vom Partner oder der Partnerin kann im emotionalen Bereich ein "Funktionieren" erwartet werden. Eine der persönlichen Entwicklungsaufgaben unserer Zeit scheint es zu sein, die Brücke zu schlagen zwischen zuverlässiger Leistung in der ökonomiebestimmten Außenwelt und Gelassenheit im Privaten. Es ist ganz natürlich und gehört zum Lebensrhythmus, dass Menschen nicht immer "können".


Wie oft, wie lange?
Jeder Mensch hat ganz individuelle Bedürfnisse. Dazu kommt, dass im sexuellen Bereich - gerade dort wo Männer und Frauen einander am nächsten kommen - die Bedürfnisse geschlechtsspezifisch stark differieren. In zwei Punkten sind die Unterschiede besonders gravierend: darin wie sexuelle Erregung zustande kommt und in der Häufigkeit des Bedürfnisses nach Geschlechtsverkehr.

Während Männer auf visuelle Reize reagieren, brauchen Frauen emotionale Übereinstimmung und somit länger, um auf Touren zu kommen. Daher rührt auch ihr höheres Bedürfnis nach Zärtlichkeit in Verbindung mit Sex. Männer wünschen sich häufigen Sex, am besten mehrmals die Woche - obwohl das zum Teil an einem überzogenen Potenzideal liegen mag. Die meisten Frauen sind dagegen mit ein paar mal pro Monat vollauf zufrieden. Am sexuell aktivsten sind Frauen normalerweise in der Zeit um den Eisprung, doch wird dieser Rhythmus durch die Einnahme der Pille verzerrt.

Angesichts solcher Unterschiede ist weder von Frauen noch von Männern zu erwarten, dass sie sich ganz an die Bedürfnisse des Partners oder der Partnerin anpassen. Die Lösung ist, dass jeder für die Befriedigung seiner Sexualität selbst verantwortlich ist. Das bedeutet, ein Konzept davon zu haben, worin für einen der Sinn der Sexualität besteht.

So kann Sexualität als wichtige Energiequelle für einen selbst und für die Partnerschaft verstanden werden, die am Sprudeln erhalten werden sollte. Oder als intensivste und intimste Form der Kommunikation, die die Bereitschaft miteinander zu sprechen und Offenheit für die nonverbalen Signale des anderen voraussetzt. Sex kann aber auch als Luxus gesehen werden, den man sich gönnt, um den Alltag hinter sich zu lassen.


Verführungskünste
Wenn ein Partner sich in der sexuellen Beziehung nicht oft genug befriedigt fühlt, kann Selbstbefriedigung Entlastung bringen. Auf keinen Fall sollte vom anderen Befriedigung eingefordert werden. Das würde bedeuten, den Partner zum Objekt zu machen. Frauen reagieren häufig mit Widerwillen gegen Sex, wenn ihnen ihr Liebesleben gefühllos und kalt vorkommt. Manche Männer meinen, sie müssten ihre sexuelle Erregung jedesmal abführen, sonst würde sich in ihnen ein Überdruck aufbauen. Doch gibt es dazu sehr wohl die Alternative, die Erregung abklingen zu lassen.

Allerdings ist es absolut in Ordnung, mit dem Partner über die Erfüllung seiner Bedürfnisse verhandeln. Eine Möglichkeit wäre, Gegenleistungen anzubieten, beispielsweise: "Wir haben in letzter Zeit so wenig Zeit ungestört miteinander verbringen können. Wie wär's mit ein paar schönen Wochenenden irgendwo weit weg von hier?".

Auch die alte Kunst der Verführung lässt sich wiederbeleben: Zum Beispiel, wenn der Partner oder die Partnerin einer etwas ausgefalleneren Praktik skeptisch gegenübersteht: "Probier's nur ein einziges Mal ... Ja, doch bitte noch ein ganz kleines bisschen mehr ... Wie findest du das?". Zu etwas zu überreden, was dem oder der anderen nicht ganz geheuer erscheint, und sich über die Empfindungen dabei auszutauschen, kann überaus anregend sein.


Selbstwertprobleme
Männer wie Frauen legen Wert darauf, gute Liebhaber zu sein, auf den Partner körperlich attraktiv zu wirken und leidenschaftlich zu sein. Alle diese Qualitäten sind überaus relativ. Viele verunsicherte Menschen würden staunen, wenn sie wüssten, dass ihr Partner ihre vermeintlichen Schwachstellen oft gar nicht als solche empfindet.

Wenn Frauen sich beim Sex unbehaglich fühlen, weil sie meinen, nicht schön genug zu sein, so können sie ruhig ein bisschen Raffinesse spielen lassen: Die Beleuchtung dämpfen und sich nicht ganz nackt zeigen, sind alte Tricks die Atmosphäre sexier zu gestalten.

Wenn Männer glauben, dass ihre sexuelle Leistungsfähigkeit nicht den gängigen Normen entspricht, so können sie sich vor Augen halten, dass Frauen im Bett Kommunikation und Zärtlichkeit weitaus höher schätzen als stundenlanges Kopulieren.


Sexuelle Abenteuer
Hat die Lust sich dauerhaft aus der Beziehung verabschiedet, so könnten ein paar Fragen an sich selbst einen Weg aus der Blockierung weisen: "Bei welchen Gelegenheiten hat Sex früher bei uns funktioniert und was würde mir jetzt noch Lust machen? Wann haben wir das letzte Mal miteinander geschlafen und was war an dieser Situation anders?". Wenn ein Paar beispielsweise im Urlaub plötzlich problemlos "kann", so könnte die Überlegung "Was können wir aus dem Urlaub in den Alltag hinüberretten?" zu Ideen anregen.

Wenn Beziehungen aufgrund von Vertrautheit ihren erotischen Reiz verlieren, so ist Abhilfe möglich: Indem der Reiz des Neuen in die Beziehung geholt wird. Warum sollen zwei Menschen, die einander schon lange kennen, keine sexuellen Abenteuer mehr miteinander erleben können? Einige der tollsten Abenteuer im Leben ereignen sich im Kopf.

Wenn allerdings ein Paar noch dazu Schwierigkeiten hat miteinander zu sprechen, dann wäre professionelle Hilfe ratsam, denn hinter der Sprachlosigkeit können sich viele unausgesprochene Dinge aufgestaut haben. 


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