Kinder und Scheidung
Wenn Eltern sich trennen oder scheiden lassen, bricht für die Kinder die Welt zusammen. Nichts wird mehr so sein wie ehedem. Alle äußeren Bedingungen, die ihre bisherige Identität bestimmten, verändern sich und damit auch die Identität der Kinder selbst.
Der Verlust eines Elternteils erschüttert das Urvertrauen in die sozialen Bindungen. Und: Wenn es sein kann, dass ein Elternteil sie verlässt, so wird es für die Kinder intuitiv auch möglich, dass der zweite Elternteil weggeht. Dazu kommen die Konflikte und Zusammenbrüche der Eltern, mit denen die Kinder plötzlich konfrontiert sind, nachdem sie diese früher meistens als stark und das Leben meisternd erlebt haben. Manche Kinder bringt das auf die Idee, dass sie an der Katastrophe schuld sein könnten. Tatsächlich bedeuten Kinder fast vom Augenblick der Geburt an eine Belastung für die Beziehung der Eltern, was sich auch daran zeigt, dass der Höhepunkt der Scheidungsstatistik vom verflixten siebenten Jahr auf das vierte bis fünfte Jahr gerutscht ist, also die Zeit nach der Ankunft des ersten Kindes.
Die Scheidungsverlierer
Fortan werden die Kinder nicht nur die meiste Zeit einen Elternteil vermissen müssen, sondern oft auch die gewohnte Umgebung. Ein Umzug mit Wohnungs- und womöglich Schulwechsel bedeutet den Verlust des Freundeskreises und all der vielen Erwachsenen, von der Nachbarin bis zur Frau an der Kasse im Supermarkt, die bis dahin fester Bestandteil des kindlichen Alltags waren.
Am bedrohlichsten erleben Kinder im Vorschulalter das Zerbrechen ihrer gewohnten Welt. Sie haben noch nicht erfahren, dass nicht alles so bleibt wie es ist, dass auf eine negative Situation wieder ein positive folgen kann. Obwohl sie die Gründe für das was passiert nicht verstehen können, ist es wichtig, mit den Kindern auch in diesem Alter über die Trennung zu sprechen, denn nur so können sie sich ernst genommen und in ihren Interessen beachtet fühlen.
Schulkinder können dagegen schon viel von dem, was sich zwischen den Eltern abspielt, erfassen. Sie können Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft auseinanderhalten und somit auch die Konsequenzen der Scheidung schon einigermaßen abschätzen und sich ein Leben "danach" vorstellen. Doch auch sie leiden unter der Abwesenheit des weggehenden Elternteils und - wenn sie in eine neue Umgebung verpflanzt werden - unter dem Verlust des täglichen Kontakts mit ihren Freunden. Kinder im Volksschulalter versuchen den ihnen näher stehenden Elternteil zu schützen und ergreifen Partei. Auch wenn es dem betreffenden Elternteil in seiner persönlichen Krise guttun mag, dass das Kind so fest zu ihm hält, muss er sich davon distanzieren und dem Kind möglichst unvoreingenommen erklären, warum die Trennung sein muss.
Pubertierenden Jugendlichen ist im Allgemeinen klar, was zu Hause vorgeht. Sie sind oft richtiggehend froh, wenn die Spannungen und Streitereien zwischen den Eltern ein Ende finden. Doch brauchen gerade Pubertierende die Zuwendung beider Eltern besonders stark, was aufgrund ihrer Unabhängigkeitsbestrebungen oft verkannt wird. Auch neigen Eltern dazu, Kinder in diesem Alter, da sie bereits über Gewicht in der Familie verfügen, als Verbündete in den Konflikt hineinzuziehen und gegen den anderen Elternteil aufzuhetzen. Wenn es den Jugendlichen daheim zu bunt wird, so nabeln sie sich möglicherweise frühzeitig ab und werden dadurch anfällig für negative Einflüsse von außen.
Es kann hilfreich sein, wenn die Kinder unter der Trennung ihrer Eltern zu sehr leiden oder durch ungewöhnliche Verhaltensweise zeigen, dass sie überfordert sind, Hilfe von außen in Anspruch zu nehmen.
Den Partner nicht abwerten
Es ist wichtig, Kindern aller Altersstufen - je nach ihren Verständnismöglichkeiten - klar zu machen, dass die Eltern eine schwierige Zeit durchleben, in der sie aufeinander wütend sind. Dabei sollte unter allen Umständen vermieden werden, den Partner schlecht zu machen. Die Identität eines Kindes vereint Anteile beider Eltern in sich. Wenn ein Elternteil abgewertet wird, so wertet sich das Kind automatisch selbst ab. Es kommt ihm auch die Möglichkeit zu angemessener Trauer abhanden, denn wie kann man trauern um einen Vater, der so schlecht ist. Ohne Trauer kann aber der reale Verlust nicht verarbeitet werden.
Der größte Dienst, den Eltern ihren Kindern in der Trennungssituation erweisen können, ist, ihre Emotionen im Zaum zu halten und alles so schnell und einvernehmlich wie möglich über die Bühne zu bringen. Dabei kann es enorm hilfreich sein, eine Mediation in Anspruch zu nehmen. Die Einschaltung eines neutralen, professionellen Vermittlers - sei es ein Anwalt oder Psychotherapeut - stellt sicher, dass nicht einer als Gewinner und der andere als Verlierer aus dem ehelichen Chaos hervorgeht, sondern dass die Aktiva und Passiva des gemeinsamen Lebensabschnittes fair aufgeteilt werden. Statt gegeneinander vorzugehen, wird so gemeinsam an einer auch für die Kinder optimalen Lösung gearbeitet.
Wer sorgt?
Eine Alternative zur alleinigen Übernahme des Sorgerechtes durch einen Elternteil ist in Deutschland die Vereinbarung des gemeinsamen Sorgerechtes. Der Grundgedanke ist gut: Nach der Scheidung sollen sich beide Eltern weiterhin gleichberechtigt um die Kinder kümmern. Gegner der Regelung argumentieren, dass eine gemeinsame Ausübung von Sorgerecht und -pflichten nur dann möglich sei, wenn beide Eltern im Einvernehmen agieren. Denn ist das nicht gegeben, können die Partner einander über den ständigen Kontakt durch das Kind kontrollieren und weiterhin Einfluss auf das Leben des anderen nehmen. Alle Entscheidungen müssen von beiden Eltern gemeinsam getroffen werden, was nur schwer verwirklichbar sein dürfte bei Menschen, die eine Trennung zu verkraften haben. Da keine verbindlichen Umgangsregelungen getroffen werden, sind Streitigkeiten darüber, wer die Kinder wann übernimmt, praktisch vorprogrammiert.
Es ist anzunehmen, dass selbst bei einer Sorgerechtsregelung zugunsten eines Elternteils der zurückstehende Teil - wenn ihm wirklich an den Kindern gelegen ist - auch weiter für die Kinder da sein wird.