Individualpsychologie
Obwohl sich die Individualpsychologie von der Psychoanalyse abgespaltet hat (kurze Zeit hieß sie auch "Freie Psychoanalyse"), gibt es zwischen diesen beiden Schulen kaum mehr Gemeinsamkeiten. Im Gegensatz zur Psychoanalyse ist die Individualpsychologie final ausgerichtet. Seelische Störungen versteht sie als missglückte Kompensation realer oder vermeintlicher Unterlegenheit. Das Minderwertigkeitsgefühl nimmt in dieser Lehre daher einen zentralen Stellenwert ein. Anstelle des Sexualtriebes postuliert Alfred Adler den Aggressionstrieb als wichtigsten Antrieb des Menschen.
Technik
Der Therapeut verhält sich in der Individualpsychologie aktiv und erklärend. Er bewahrt eine "gleichmütige Hilfsbereitschaft" und ein "wohlwollendes Zuschauen" bzw. ermutigt gegen Ende der Therapie den Patienten zu mehr Aktivität. Die therapeutische Praxis ist final statt kausal ausgerichtet; es wird mehr das "Wozu" als das "Warum" seelischer Vorgänge herausgearbeitet. In der Regel werden lebensgeschichtliche Berichte, Kindheitserinnerungen, Mimik, Gestik, Verhalten, Charakterzüge, Träume etc. zur Bearbeitung herangezogen und als Teil der ganzen Person mit ihrem spezifischen Ausdruck begriffen. Die Therapie verläuft in zwei Phasen, einer analytischen und einer synthetischen (integrierenden). In der Phase der Synthese soll der Patient zur Umsetzung des therapeutischen Fortschritts, zur Aktivität veranlasst werden.
Der Patient sitzt meist dem Psychotherapeuten gegenüber, kann aber auch auf der Couch liegen. Je nach Erfordernis findet die individualpsychologische Methode in Langzeitanalysen oder zeitlich begrenzten Prozessen ihre Anwendung.
Theoretischer Hintergrund
Die Individualpsychologie ist eine verstehende (hermeneutische), ganzheitliche (holistische) Tiefenpsychologie mit einem sozialpsychologischen Ansatz. Der Mensch wird als einzigartig, ganzheitlich und schöpferisch in untrennbarer Beziehung zu anderen stehend verstanden, verbunden mit der Fähigkeit zur Selbstverantwortung. Dabei verfolgt der Mensch nach Adler im Zusammenwirken all seiner Kräfte ein Ziel, das generell zum Nutzen oder zu Lasten seiner Umgebung wirkt. Probleme mit anderen Menschen treten für den einzelnen in seiner zielgerichteten Lebensbewegung dann auf, wenn er aus seiner frühesten Entwicklung heraus entmutigt ist, sich zu anderen Menschen zugehörig zu fühlen und sich in neurotischen Tendenzen gegen sie wendet. Auf die Beziehungsgestaltung durch den einzelnen im sozialen Feld unter besonderer Berücksichtigung von Affekten, intrapsychischen Konflikten und Strukturen wird in der Individualpsychologie besonderen Wert gelegt.
Adler ging davon aus, dass jeder Mensch über ein angeborenes Potenzial an Gemeinschaftsgefühl verfügt. Besondere Beachtung wird der Lebensleitlinie, dem Lebensstil eines Menschen geschenkt, worunter die spezifische Art eines Menschen, Schwächen und Unsicherheiten zu kompensieren, verstanden wird. Die Begriffe "Minderwertigkeitsgefühl" und "Minderwertigkeitskomplex" gehen auf Adler zurück. Darunter wird die Kompensation eines durch Organminderwertigkeit, ökonomische oder soziale Benachteiligung hervorgerufenen Minderwertigkeitsgefühls verstanden, das den Menschen in unbewusster Weise veranlasst, beständig einem fiktiven Persönlichkeitsideal der Überlegenheit, Macht und Stärke möglichst nahe zu kommen.
Ziele
Das Ziel der Therapie ist die Aufdeckung des neurotischen Systems bzw. des (unbewussten) Lebensplans. Dabei kommt es in erster Linie zur Freisetzung verdrängter Gefühle und Empfindungen. Das Erleben nimmt einen großen Stellenwert in der Therapie ein. Es wird eine Neuorientierung der Persönlichkeit angestrebt, wobei der Patient von sich selbst ein realistisches Bild mit Selbstwert- und Gemeinschaftsgefühl erhalten soll, verbunden mit der Fähigkeit zu verantwortlichem Handeln. Adler nennt drei Lebensaufgaben als Therapieziel: die Fähigkeit zu Arbeit, Liebe und Mitmenschlichkeit. Die Heilung eines Patienten müsse sich auch in seinen weiteren Handlungen niederschlagen. In einer geglückte Therapie muss nach individualpsychologischer Ansicht auch das Gemeinschaftsgefühl weiterentwickelt worden sein.
Zur Geschichte
Alfred Adler, der Begründer der Individualpsychologie, wurde 1870 in Wien geboren. Nach dem Medizinstudium praktizierte er mehrere Jahre als Arzt. Er machte Bekanntschaft mit Sigmund Freud, der ihn 1902 in dessen Diskussionszirkel, in die legendäre "Mittwochgesellschaft", einlud. In seiner 1907 erschienenen "Studie über Minderwertigkeit von Organen" setzte sich Adler mit der Kompensation und Überkompensation von biologischen Mängeln auseinander. 1911 kam es zum Bruch mit Freud und somit zum Austritt aus der Psychoanalytischen Vereinigung. Adler wich immer mehr von der Freudschen Sexualtheorie ab und sah die Triebziele der menschlichen Entwicklung statt in der Lust in Geltung, Macht und Sicherheit. Er gründete zunächst den "Verein für Freie Psychoanalyse", den er 1913 in den "Verein für Individualpsychologie" umbenannte. Der Begriff Individualpsychologie wurde gewählt, um die Unteilbarkeit der jeweiligen Person hervorzuheben, womit er auch Freud kritisierte, der seiner Ansicht nach den Menschen in einzelne Triebe, Kräfte und Systeme zergliederte. 1920 erschien sein Werk "Praxis und Theorie der Individualpsychologie" und zwei Jahre später fand der Erste Internationale Kongress der Individualpsychologen in München statt. In den frühen dreißiger Jahren verlegte Adler seinen Arbeitsschwerpunkt immer stärker in die USA, wohin er 1934 auch endgültig übersiedelte. Adler starb 1937 während einer Vortragsreise in Aberdeen (Schottland), wo er auch beigesetzt wurde.