Heiraten - ja oder nein?

Die Scheu des Mannes vor den Fesseln der Ehe ist ein altes Thema in Literatur und Film. Aber auch die Frau hat inzwischen auf ihrem Weg der Emanzipation die Nachteile der ehelichen Abhängigkeit zu vermeiden gelernt. Die Schwierigkeit von Doppel- und Dreifachbelastung und das Problem, in einer Zweierbeziehung zwei Berufskarrieren mit allen modernen Anforderungen an Belastbarkeit, Flexibilität und Mobilität zu realisieren, haben sich herumgesprochen. Und als Versorgungsanstalt hat die Ehe angesichts der hohen Scheidungsziffern ausgedient.

Dennoch hat die überwiegende Zahl der Menschen ein Lebensideal mit Familie und ehelicher Zweisamkeit vor Augen. Als Modell schwebt ihnen häufig immer noch die alte Form der Ehe vor. Sie ist geprägt von den Idealen der Treue und immerwährender Liebe, deren "Verrat" zwar vorhersehbar ist, trotzdem aber zu erbitterten Konflikten und oft zum Zerbrechen der Ehe führt. Dazu kommt eine gegenseitige Abhängigkeit, welche beide Partner bei der Entfaltung ihrer Persönlichkeit beeinflusst. Die Ambivalenz des traditionellen Ehemodells macht es schwer, sich davon zu lösen: Während seine Realität in vielen Fällen abschreckend wirkt, appellieren die hohen Ideale an unseren Sinn für Romantik.


Das moderne Ehemodell
So fällt es vielen Menschen schwer, sich auf ein modernes Ehemodell einzustellen, das den herrschenden gesellschaftlichen Bedingungen besser entspricht: "Die Partner", schreibt der prominente Schweizer Beziehungsexperte Jürg Willi in seinem Buch "Die Zweierbeziehung", "sollten sich klarer voneinander abgrenzen, eigenverantwortlich handeln, sich in der persönlichen Entfaltung nicht behindern. Sie sollten fähig zu konstruktivem Austrag von Konflikten sein, zu partnerschaftlichen Entscheidungsprozessen und zu gleichmäßiger Verteilung der Privilegien."   In einer Beziehung nach diesem Muster wäre ein Gleichgewicht von Unabhängigkeit und Abhängigkeit erreicht, das auch den heute oft verleugneten Bedürfnissen nach Geborgenheit, Schutz und Sicherheit beim Partner, Vertrauen und Treue gerecht werden könnte.   Heirat beinhaltet die Verpflichtung, in guten und schlechten Tagen zusammenzuhalten. Bei größeren Lebensprojekten, wie zum Beispiel der Aufzucht von Kindern, die 15 bis 20 Jahre in Anspruch nimmt, kann das Eingehen einer derartigen Verpflichtung wesentlich zum Erfolg beitragen. Denn wenn Partner sich in dieser Zeit nicht aufeinander verlassen können, ist die Gefahr groß, dass der Nachwuchs darunter leidet.


Gründe, sich nicht zu binden
Wer vor einer Heirat zurückschreckt, obwohl der Partner oder die Partnerin darauf drängt, sollte den Ursachen auf den Grund gehen. Manche Bindungsängste sind eine Folge der allgemeinen Verunsicherung über die Zweierbeziehung. Sie helfen, die noch größere Angst vor dem Verlassenwerden abzuwehren. Im Nebeneffekt fördern sie die Möglichkeiten zur individuellen Selbstverwirklichung. Diese tritt oft fälschlich als Grund für die Bindungsscheu in den Vordergrund. Dabei wird übersehen, dass auch in der Partnerschaft Selbstverwirklichung möglich ist, wenn auch die Herausforderungen anders sein mögen. Beispielsweise hat jemand, der sein Leben im Alleingang bewältigt, keine Gelegenheit, Krisensituationen in Gemeinschaft mit jemandem anderen zu meistern und die dafür nötigen Eigenschaften in sich zu entwickeln.

Aber nicht für jeden sind Ehe und Familie die ideale Lebensform. Wer sich in einer unverbindlichen Beziehung freier und glücklicher fühlt, sollte sein Leben entsprechend gestalten, diese Absicht aber fairerweise seinen Partner wissen lassen. Manche Menschen wollen dagegen ganz auf eine Beziehung verzichten. Das kann daran liegen, dass sie sich nicht stark genug fühlen, sich mit einem Partner auseinander zu setzen, oder von ihrem Beruf so gefordert sind, dass für eine Partnerschaft keine Zeit bleibt. Obwohl Alleinstehende, und unter ihnen besonders Frauen, immer noch unter gesellschaftlichem Druck stehen, einen Partner "vorzuweisen", sollte sich niemand davon zu einer Eheschließung beeinflussen lassen. Ebenso wenig von der Angst vor dem Alleinsein. Auch in einer Ehe ist streckenweise Einsamkeit unvermeidlich.


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