Das schwierige Gleichgewicht zwischen Nähe und Distanz

Für Paare ist der Wunsch einander ganz gehören und eins sein zu können einer der spannendsten und kritischsten Aspekte ihres Zusammenlebens. Dass sich das Ideal der Verschmelzung trotz aller Realitätsferne hält, liegt an der tief verwurzelten Sehnsucht, ganz in einem geliebten Menschen aufzugehen. Psychologen führen dieses Sehnen auf frühkindliche Erfahrungen eines paradiesischen Zustands des Einsseins mit den Eltern, insbesondere der Mutter, zurück. Im späteren Leben sind solche beglückenden Zustände nur mehr kurzfristig erfahrbar. Denn kein Erwachsener ist in der Lage, einem anderen für längere Zeit den tröstenden Schutz zu gewähren, den kleine Kinder bei ihren Eltern finden.

Wenn die Grenzen zwischen Ich und Du sich auflösen und beide in das paradiesische Gefühlsklima der Kindheit eintauchen, dann können lang verschüttete Verhaltens- und Erlebnisweisen zutage gefördert werden.

Weiterentwicklung ist in einer Beziehung für Partner aber nur dann möglich, wenn beide ihre Individualität und ihre eigenen Wünsche und Interessen behalten.


Eigenständigkeit und Abhängigkeit
In Beziehungen, die auf ein ständiges symbiotisches Einssein ausgerichtet sind, führt die große Nähe dazu, dass die Partner sich ihre Funktionen im gemeinsamen Alltag nach dem Gesichtspunkt aufteilen, dass jeder das tut, was er besser kann - z.B. der eine sorgt für Ordnung, der andere für Entspannung oder der eine für Schutz nach außen und der andere für Geselligkeit im Inneren der Beziehung. Wenn Paare auf diese Weise länger zusammenleben, kann es dazu kommen, dass die beiden sich nur mehr miteinander als Ganzes erfahren, ihre Eigenständigkeit aber eingebüßt haben. Daraus können sich bedrohliche Ängste ergeben: Was wird aus mir, wenn mein Partner/meine Partnerin mich verlässt, krank wird oder stirbt?

Kompliziert wird die Sache dadurch, dass das Delegieren von Aufgaben und Verantwortungen in der Paarbeziehung bis zu einem gewissen Grad unvermeidlich ist und sogar einen Teil ihrer Stärke ausmachen. Eine der großen Herausforderungen für Liebesbeziehungen besteht darin, den optimalen Ausgleich zwischen den Bedürfnissen nach Nähe und Distanz, nach Symbiose und Eigenständigkeit zu finden.

Bei stark symbiotisch geprägten Beziehungen grenzen sich die Beteiligten zu wenig gegeneinander ab. Die Folge ist eine starke emotionale Verstrickung und kann sich in übermäßiger Fürsorge oder dem starken Wunsch äußern, einander zu kontrollieren und zu beeinflussen.

Wenn Partner sehr stark aufeinander bezogen sind, kann Nachwuchs Entlastung bringen. Kinder wirken auf ein Paar verbindend und trennend gleichzeitig. Sie verbinden durch die gemeinsame Fürsorge und trennen, weil sie sich als drittes Element in die Zweierbeziehung drängen. Manchmal wird die große Nähe als so einschränkend empfunden, dass einer der beiden Partner über eine Nebenbeziehung zu einem Geliebten oder einer Geliebten Entlastung und Distanz herbeiführt.


Die nötige Abgrenzung
Symbiotische Beziehungen entsprechen dem Eltern-Kind-Schema. Und mit der panischen Angst eines Kindes, das sich von den Eltern im Stich gelassen fühlt, reagiert der eine Partner in solchen Beziehungen üblicherweise auf die Abgrenzungsversuche des anderen. Er traut sich nicht zu, seine Situation ohne den anderen zu meistern.

Da ein gesundes Selbstwertgefühl viel mit der geglückten Ablösung von den eigenen Eltern zu tun hat, sollten Paare mit ausgeprägten Nähe-Distanz-Problemen versuchen, diese Entwicklung abzuschließen. In vielen Fällen hilft auch die Erkenntnis, dass ein Mann und eine Frau nicht immer zur gleichen Zeit Lust auf Nähe verspüren, dass manche Menschen mehr Nähe zulassen wollen als andere und dass ständiges Klammern Anregungen von außen ausschließt und die Beziehung austrocknen lässt. Oft kommt der Partner oder die Partnerin von selbst aus der Ferne zurück, wenn er oder sie spürt, dass das Drängen auf Nähe nachgelassen hat.

Wenn aber ein Partner sich vom anderen ständig bedrängt oder zurückgewiesen fühlt, so wäre das ein Signal für das Paar, sich mit dem Problem ernsthaft auseinanderzusetzen.


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