Gewalt in Beziehungen

Missbrauch in der Familie kommt häufiger vor, als die meisten Menschen annehmen würden. Betroffene finden sich in allen Altersgruppen - vom Säugling bis zum Senior - und in allen sozialen und Einkommensschichten.
Missbrauch in Beziehungen hat viele Gesichter und reicht von Mangel an Respekt für die Integrität und Bedürfnisse des Partners, der Partnerin oder eines Kindes bis hin zu schwerer sexueller und körperlicher Gewalt. In der überwiegenden Mehrheit der Fälle geht häusliche Gewalt von Männern aus, doch befinden sich unter den Tätern auch Frauen. Missbrauch im familiären Rahmen kann im Lauf der Zeit Identität und Selbstachtung der betroffenen Person vollständig untergraben.

Obwohl die Verletzungen durch seelischen Missbrauch nicht so offenkundig sind wie die Folgen körperlicher oder sexueller Gewalt, sind sie keineswegs weniger traumatisch. Meistens geht seelischer Missbrauch in einer Familie mit körperlichen und/oder sexuellen Übergriffen einher. Seelischer Missbrauch kann sich äußern in Einschüchterung durch Blicke, Gesten, Schreien, das Umherwerfen mit Gegenständen, durch die mutwillige Beschädigung oder Zerstörung von Gegenständen im Besitz des Opfers, Drohungen, Versuche, das Opfer von Freunden und Verwandten zu isolieren und bewusstes Herstellen wirtschaftlicher Abhängigkeit.

Für das Phänomen der Gewalt in Beziehungen gibt es eine Reihe voneinander abhängiger Faktoren.

So fehlt es an der Einsicht, dass verbale und körperliche Gewalt erlernte und daher auch verlernbare Verhaltensweisen sind, die von Eltern, Großeltern, Verwandten oder Freunden übernommen werden. Auch die ständige Zurschaustellung gewalttätigen Verhaltens in den Unterhaltungsmedien und im Sport hat nach Meinung zahlreicher Experten "Vorbild"-Wirkung. Es ist vielen Menschen nicht hinreichend klar, dass die Funktion des Missbrauchs für den Täter oft darin besteht, emotionalen Stress abzubauen und als Mechanismus zur Verteidigung seiner Machtposition und Kontrolle in der Beziehung dient. Sehr oft ist das zerstörerische Verhalten begleitet von Alkohol und/oder Drogenmissbrauch.

  • DAS UMFELD SCHWEIGT
  • TOTALE ABHÄNGIGKEIT
  • GEWALT GEGEN KINDER
  • SCHLÄGE FÜR DIE SEELE
  • SEXUELLER MISSBRAUCH
  • RAT UND HILFE IN KONFLIKTSITUATIONEN 

Das Umfeld schweigt

Da die Umgebung betroffener Familien sehr oft ihre Augen vor dem Missbrauch verschließt - um sich nicht "in fremde Angelegenheiten einzumischen", sich nicht "wichtig zu machen" oder die peinliche Situation einer öffentlichen Aufdeckung zu vermeiden - kann nur in einem Bruchteil der Fälle etwas zum Schutz der Opfer geschehen. Die Opfer selbst fühlen sich vielfach emotional und existentiell auf den Zusammenhalt der Familie angewiesen und unternehmen daher nichts, um ihre Lage zu verändern.

Die meisten von ihren Partnern seelisch missbrauchten, geprügelten oder zum Sex genötigten Frauen bezahlen mit schweren Verletzungen des Selbstwertgefühls. Viele meinen, an ihrer Not selbst Schuld zu tragen, weil sie als Frauen versagt hätten. Manche glauben gar, die Misshandlungen verdient zu haben. Sehr oft leben sie in der Vorstellung, es sei ihre Pflicht, die Familie, koste es was es wolle, zusammenzuhalten. Um der Kinder willen harren sie aus und entscheiden sich erst zum Bruch mit dem Täter, wenn der sich auch gegen die Kinder wendet.

Es kann sein, dass die Betroffenen sich überhaupt keine Hilfe von der Gesellschaft erwarten und, im Gegenteil, glauben, es würde ihnen zum Vorwurf gemacht werden, die Gewalt provoziert oder akzeptiert zu haben. In diesem Zusammenhang hat die von Psychologen oft geäußerte These, die Opfer würden in der Gewaltdynamik unbewusst mitwirken, katastrophale Auswirkungen. Sie entlastet die Täter und unterstellt den ohnehin durch Schuldgefühle belasteten Opfern Mitschuld.

Totale Abhängigkeit

Gelingt es dem Partner, die Frau von ihrer Familie und ihren Freunden zu isolieren, so vermehrt er dadurch seine Macht und Kontrolle über ihr Leben. Zumal die Opfer sehr oft von ihrem Mann finanziell völlig abhängig sind und, falls sie ihn verlassen, damit rechnen müssen, mittellos dazustehen. Hat sich die Frau jung gebunden, bald Kinder bekommen und sich auf deren Aufzucht konzentriert, so ist sie mit großer Wahrscheinlichkeit nicht ausreichend qualifiziert, um sich nach einer Trennung gleich in der Arbeitswelt zu behaupten und selbst für ihre Kinder zu sorgen. Da sie sich auch nicht vorstellen kann, wohin sie dann mit den Kindern gehen könnte, sieht sie darin auch keine Alternative. Zudem kann es für eine Frau bedrohlich werden, wenn sie aus einer gewaltgeladenen Beziehung ausbrechen möchte. Morddrohungen sind in solchen Situationen eher die Regel denn die Ausnahme.

Die meisten Opfer wünschen sich ein Ende der Gewalt, aber kein Ende der Beziehung. Erst die allergrößte Verzweiflung treibt sie aus ihrem Heim, nachdem sie zuvor auf vielfältige Weise versucht haben, dem Missbrauch ein Ende zu setzen. Gebildete Frauen scheinen unter der Erniedrigung, den Prügeln und dem Missbrauch am meisten zu leiden. Sie sind daher am wenigsten bereit, sich mit ihrer Not jemandem anzuvertrauen und Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Die Täter sind in allen Gruppen und Schichten der Gesellschaft gleichermaßen zu finden. Obwohl es ein "Profil" des typischen missbrauchenden Mannes nicht gibt, können verschiedene Verhaltensweisen in diese Richtung deuten. Die betreffenden Männer streiten häufig ab, dass es in ihrer Familie Gewalt gibt oder dass diese den Opfern und anderen Familienmitgliedern schaden könnte. Extreme Besitzansprüche und Eifersucht, die zur Isolierung der Frau von Familie und Freunden führen, wären ebenso Hinweise wie ein starkes Verhaftetsein im traditionellen männlichen Rollenbild. Eine betont negative Haltung gegenüber Frauen sollte auch zu denken geben. Häufig wird die Schuld an den Entgleisungen auf den Einfluss von Stress, Alkohol, Drogen oder das Verhalten der Frauen geschoben.

In den seltenen Fällen, wo Männer Opfer von Gewalt werden, sind die Chancen sehr gering, dass sie sich an die Außenwelt um Hilfe wenden.

Gewalt gegen Kinder

Auch eine große Zahl von Kindern ist in ihrem Heim, das für sie der sicherste Ort überhaupt sein sollte, Gewalt und Missbrauch ausgesetzt. Jedes zweite Kind bezieht Schläge von den Eltern, jedes dritte Mädchen und jeder siebente Junge haben sexuelle Misshandlungen zu erdulden. Kinder, die in einer gewalttätigen Atmosphäre aufwachsen, haben ein sechsmal höheres Selbstmordrisiko, ein 24-mal höheres Risiko, Opfer sexueller Übergriffe zu werden, ein 60-mal höheres Risiko, kriminelle Taten zu setzen und ein 1000-mal höheres Risiko, selbst zu Gewalttätern in der Familie zu werden.

Keine soziale Schicht kann sich rühmen, frei von Gewalt gegen Kinder zu sein. Doch lässt sich ein Zusammenhang mit Alkohol- und Drogenmissbrauch, mangelnder Erziehungskompetenz, finanziellen Problemen und einer gewalttätigen Vorgeschichte der betreffenden Familie herstellen. Bei Kindern kommt zusätzlich zur seelischen, körperlichen und sexuellen Gewalt noch die Vernachlässigung als vierte Kategorie der Misshandlung ins Spiel.

Körperliche Vernachlässigung macht Babys und Kleinkindern besonders zu schaffen. Wenn ihre Eltern sie mangelhaft ernähren und pflegen, empfinden sie das als elementare Bedrohung ihrer Lebensfähigkeit. Diese Kinder bleiben häufig in der Entwicklung zurück. In gesicherten materiellen Verhältnissen ist das Gegenstück zur Vernachlässigung eine seelische Vereinsamung, weil die Kinder zu isoliert und mit nur wenig Kontakt zu Kindern aufwachsen. In der Schule, wo sie mit anderen Kindern auskommen sollten, leiden sie dann unter den Folgen ihrer mangelhaften Sozialisierung.

Schläge für die Seele

Wenn in einer Familie nur mehr die Aggression regiert, so legen fast alle Kinder früher oder später ein auffälliges Verhalten an den Tag. Sie werden still, apathisch, furchtsam und ziehen sich in sich selbst zurück oder reagieren mit Hyperaktivität und besonders forschem Auftreten. Es mangelt ihnen an Konzentrationsfähigkeit und sie neigen zu überaggressivem Verhalten. In der Kindheit versuchen sie, die trotz allem geliebten Eltern zu schützen und errichten eine Mauer des Schweigens um ihre Erfahrungen. In der Pubertät wenden sie sich dann vielfach gegen das Elternhaus, kommen oft nicht nach Hause und schwänzen die Schule. Durch dieses Verhalten wird oft eine Eskalation der Gewalt ausgelöst.

So wie körperliche Misshandlung schlägt auch die seelische Gewalt tiefe Wunden, die sich während des ganzen späteren Erwachsenenlebens emotional hemmend und für das Selbstvertrauen destruktiv auswirken können. Tatsächlich ist sie Bestandteil vieler überkommener "Erziehungsmaßnahmen", die bis vor noch nicht allzu langer Zeit auch von Pädagogen vertreten wurden. Einsperren, Drohen, Nichtbeachten, Schweigen, Verweigerung von Trost fallen in dieses Repertoire des Liebesentzuges. Inzwischen ist klar geworden, dass Ablehnung und Abwertung bei Kindern schweren emotionalen Schaden anrichten kann. Aber nicht nur Eltern, auch Lehrer und andere Erziehungspersonen machen sich schuldig, wenn sie Kinder und Jugendliche verbal herabwürdigen, beschämen, bedrohen, einschüchtern, ihnen Schuldgefühle einreden und ihnen mit unfairer Kritik und Sarkasmus die Freude am Leben und Lernen rauben.

Menschen, die in ihrer Kindheit und Jugend emotional oder körperlich gezüchtigt wurden, entwickeln sich zu Erwachsenen, die sich durch die Augen der Misshandler sehen. Selbst wenn sie sich gegen das ihnen geschehene Unrecht aufgelehnt haben, besetzen diese als strafende Instanzen zuletzt das Über-Ich. Die Betroffenen haben oft Schwierigkeiten, gesunde intime Beziehungen zu entwickeln. Manche verfallen in antisoziale Verhaltensweisen, die sie noch weiter isolieren.

Sexueller Missbrauch

Katastrophale Folgen für die Kinderseele haben Erlebnisse sexuellen Missbrauchs. Inzest, Vergewaltigung oder die Beteiligung an pornografischen Aktivitäten führen oft zu Angsterkrankungen und Depressionen. In manchen Fällen zeigen sich die Symptome sexuellen Missbrauchs erst im Erwachsenenalter.

Verschärft wird die Problematik des sexuellen Missbrauchs an Kindern und Jugendlichen meistens dadurch, dass es sich nicht um einmalige Erlebnisse mit fremden Tätern handelt. Da die Schuldigen überwiegend im engen Bekannten- oder Familienkreis des Opfers zu suchen sind, leben die betroffenen Heranwachsenden in einer Situation chronischer Bedrohung ihrer innersten Sphäre. Obwohl ihnen durchaus bewusst ist, dass sie Opfer einer schwer wiegenden Verletzung der Beziehungsregeln sind, weihen viele Kinder und Jugendliche aus Scham oder Loyalität zur Familie niemanden in ihr Leid ein. Falls sie in einem Abhängigkeitsverhältnis zum missbrauchenden Erwachsenen stehen, fürchten die Opfer, durch Enthüllung der Tatsachen ihre Lebensgrundlage zu zerstören. Auch Angst vor Bestrafung kann eine Rolle spielen, zumal das Opfer sich über den seelischen Mechanismus der Identifikation mit dem Aggressor oft selbst in eine Komplizenrolle hineindenkt und sich mit schuldig fühlt.

Heranwachsende haben das Bedürfnis, ihre Attraktivität zu erproben. Erwachsene Bezugspersonen sollten das jedoch niemals als sexuelle Herausforderung verstehen. Während es falsch wäre, dem Kind dieses Verhalten abgewöhnen zu wollen oder ihm die Anerkennung zu versagen, darf die Grenze zur Sexualität nicht überschritten werden. Das geschieht aber, wenn der Erwachsene die Intimgrenzen des Kindes missachtet oder es benutzt, um seine Bedürfnisse zu befriedigen. Jeder Erwachsene, der sich von einem Kind sexuell angezogen fühlt, hat gravierende Probleme mit seiner Persönllichkeit und sollte dringend professionelle Hilfe suchen.

Wer sexuellen Missbrauch in seiner Umgebung entdeckt, wird alleine kaum eine Lösung herbeiführen können. Doch gilt in jedem Fall: Vor allem das betroffene Kind braucht Hilfe. Dafür gibt es eigene Beratungsstellen oder das Jugendamt. Speziell ausgebildete Fachkräfte sind nötig, um das Kind auf den Weg in ein neues Dasein jenseits seiner verletzten Integrität zu führen.

Nein sagen lernen

Kinder sollten schon früh lernen, sich gegen Übergriffe jeder Art zu schützen. Die Voraussetzung dafür ist eine gesunde Integrität, deren Entwicklung durch unterstützendes, ermutigendes Verhalten der Eltern gefördert werden kann. Kinder sollen ein Gespür dafür entwickeln, welche Situationen potenziell gefährlich sind. Seelisch gesunde Kinder verfügen über das zuverlässige Signal des Widerwillens gegen Grenzüberschreitungen und die Fähigkeit Nein zu sagen.

Scheinbar zufällige Blicke oder unabsichtliche Berührungen können in Wahrheit sexuelle Belästigungen sein. Ein nicht integritätsverletztes Kind spürt genau die schädliche Absicht und kann durch Ablehnung wirksam darauf reagieren.

Rat und Hilfe in Konfliktsituationen

Von außen kommende Hilfe für betroffene Männer, Frauen und Kinder ist meist die einzige Chance, ihrem Martyrium in einer Beziehung, die von Gewalt dominiert wird, ein Ende zu setzen. Als erste Verhaltensregel für die Opfer häuslicher Gewalt gilt, sich vor dem Täter in Sicherheit zu bringen und an einen Ort zu begeben, wo er oder sie das Opfer nicht finden kann. Das kann ein Frauenhaus sein, aber auch bei Freunden, Bekannten oder Verwandten, auf die der Partner oder die Partnerin nicht kommen würde. Gewaltgefährdete Kinder sollten möglichst nicht zurückgelassen werden. Der nächste Schritt ist sich zu informieren, welche Möglichkeiten bestehen, von außen Hilfe zu bekommen. Frauenhäuser, aber auch gemeindeeigene Informationsstellen und Kriseninterventionsstellen in größeren Städten helfen hier weiter.

Wenn sich in einer Beziehung ein Klima der Gewalt eingeschlichen hat, so wird in vielen Fällen, besonders wenn der Täter sich zu keiner Therapie bereit findet, die einzige Lösung in einer dauerhafte Trennung oder, bei einer Ehe, in einer Scheidung bestehen.

Aber auch wenn die Situation nicht eskaliert, kann in einer Paarbeziehung ein Punkt erreicht werden, wo die Partner allein nicht mehr weiterwissen. Ob Sprachlosigkeit oder Konflikte - beides kann über längere Zeit einen kaum erträglichen Leidensdruck verursachen. Da schwindet die Lebensfreude und die Leistungsfähigkeit nimmt ab, die Kinder - falls vorhanden - spüren, dass etwas nicht stimmt und reagieren mit Schulproblemen, Hyperaktivität oder anderen Symptomen, und die Partnerschaft kann zu einem Gefängnis werden mit dicken Mauern, die das "wahre Leben" von den Insassen wirksam fernhalten.

In diesem Stadium ist es höchste Zeit, Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Das kann geschehen, indem die Partner sich an eine Familien- oder Eheberatungsstelle oder einen guten Therapeuten wenden, wo ihnen geholfen wird, ihren Wust von Missverständnissen und ungelösten Problemen auseinanderzuklauben. 

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