Eltern und Geschwister

Das Wir entwickeln
In der Praxis bedeutet das einen Brückenschlag zwischen potenziell gegensätzlichen Zielsetzungen - der Aufrechterhaltung des großfamiliären Zusammenhalts und der Wahrung der partnerschaftlichen Interessen. Im Zweifelsfall sollten letztere im Vordergrund stehen, da sie sonst Gefahr laufen, von der großfamiliären Übermacht erdrückt zu werden oder zwischen die Mühlsteine widersprüchlicher Strebungen der Herkunftsfamilien zu geraten.

Dafür braucht es Flexibilität und Fingerspitzengefühl. So etwa kann der Urlaub gemeinsam mit Eltern/Schwiegereltern viele Vorteile haben: er kann familiäre Wärme statt zeitweiliger Einsamkeit in der Zweisamkeit bieten, er kann finanziell günstiger sein oder auch bequemer. In dem Augenblick aber, wo sich einer der beiden Partner durch die ältere Generation unter Druck gesetzt fühlt, ist es für beide an der Zeit, sich taktvoll und nötigenfalls auch unter Mehrkosten miteinander zurückzuziehen.

Oder wenn ein Kleinkind zu versorgen ist: Zwar können Großeltern wertvolle Dienste leisten, um ein stressgeplagtes Elternpaar zu entlasten. Doch darf das nicht zu Lasten eines der beiden Partner gehen. Auch wenn die Erziehungsmethoden der jüngeren Generation den Großeltern die Haare zu Berge stehen lassen, sollten sie sich im Klaren sein, dass die eigenen Eltern für das Kind im Regelfall ihr Allerbestes tun und dass Großeltern dabei eine wohl sehr wichtige, aber dennoch untergeordnete Rolle zufällt.


Die Schwiegereltern
Obwohl viele Eltern das Verhältnis zu den Partnern ihrer Kinder mit großer Sorgfalt pflegen und sich mit ihnen auch oft sehr gut verstehen, hält sich hartnäckig die Vorstellung von den unfreundlich gesinnten Schwiegereltern und besonders der bösen Schwiegermutter. Der reale Hintergrund dafür ist, dass viele Menschen noch weit in ihr Erwachsenenstadium hinein an die Eltern gebunden bleiben. Damit einhergehende Gefühle von Verpflichtung oder gar Schuld gegenüber den Altvorderen können lebenslange Loyalitätskonflikte hervorrufen. Oder es werden Probleme, die sich in der Partnerschaft ergeben, als so bedrohlich empfunden, dass in der erprobten Beziehung zu den Eltern Zuflucht gesucht wird.

Es kann auch dazu kommen, dass ein Partner sich plötzlich inmitten eines erbitterten Konkurrenzkampfes wiederfindet, der um seine Liebe entbrannt ist. Meistens steht bei diesen Kämpfen der männliche Partner zwischen zwei weiblichen Fronten: seiner Partnerin und seiner Mutter. Seltener geschieht es, dass Schwiegervater und Schwiegersohn aufeinanderkrachen.

Obwohl das Potenzial zu solchen Konflikten meistens schon recht früh sichtbar wird, können sie zu allen möglichen Zeiten das Paar in Krisen stürzen. Besonders kritische Situationen sind die Geburt von Kindern, wenn Kinder ein problematisches Stadium durchmachen, oder wenn die Eltern des Paares älter und in der Folge zunehmend auf die Hilfe der Jungen angewiesen sind.

Für alle, die ins Zentrum eines Machtkampfes zwischen ihrem Partner und den eigenen Eltern geraten, gilt die Grundregel: Vorrang hat die Loyalität gegenüber der Partnerin oder dem Partner, denn mit ihr/ihm besteht die Lebensgemeinschaft. Die Rückkehr ins elterliche Nest, sei es auch nur emotional, bedeutet einen Rückschritt und kann der Partnerbeziehung schweren Schaden zufügen.

Zwar werden die eigenen Eltern zunächst befremdet reagieren, wenn der Sohn oder die Tochter gegen sie Partei ergreift - schließlich verlieren sie damit an Einfluss. Doch wenn der umkämpfte Partner sich konsequent aus der elterlichen Umklammerung befreit, entsteht daraus eine neue Situation, die Kräfte für neue Entwicklungen frei werden lässt.

Ein klassisches Beispiel wäre der Fall, dass die Mutter des Mannes die Koch- oder Haushaltskünste seiner Partnerin in Frage stellt. Auch wenn es stimmt, dass seine Mutter besser kocht oder ordentlicher aufräumt - seine Partnerin hat vermutlich andere Vorzüge, um deretwillen er sich zum Zusammenleben mit ihr entschlossen hat. Er hat keine Wahl als die mütterlichen Besorgnisäußerungen abzublocken, um eine allmähliche Verhaltensänderung zu erwirken.

Der entgegengesetzte Fall wäre der des Schwiegervaters, dem die Leistungen des Schwiegersohns nie auszureichen scheinen. Auch da gibt's nur eins: der alte Herr muss einsehen, dass seine Tochter ihre Wahl bei vollem Bewusstsein getroffen hat und er mit seinen Nörgeleien ihr Lebensglück aufs Spiel setzt.


Die Großeltern
Im Idealfall entlasten Großeltern die Kernfamilie und sind besonders für Alleinerziehende ein wichtiger Rückhalt bei der Aufzucht des Nachwuchses. Im Fall der Trennung der Eltern können sie den Kindern Stabilität und Beständigkeit vermitteln und somit ein wichtiger Beruhigungsfaktor sein.

In jeder familiären Konstellation können Großeltern zu wichtigen Identifikationsfiguren für ihre Enkelkinder werden. Etwa, wenn das Kind gerade eine Phase der Ambivalenz gegenüber dem gleichgeschlechtlichen Elternteil durchmacht - wenn ein Junge mit seinem Vater oder ein Mädchen mit seiner Mutter in Konkurrenz tritt - oder wenn das Kind im pubertären Ablösungsprozess gegen die Eltern aufbegehrt. Großvater oder Großmutter können dann vorübergehend, bis sich der entwicklungsbedingte Konflikt gelegt hat, die nährende Rolle eines oder beider Elternteile übernehmen und so das Kind stützen.

Wenn die Großeltern freilich meinen, nicht nur besser über Kindererziehung Bescheid zu wissen, sondern das auch durchsetzen wollen, wird die Situation schwer lösbar: Dann kann es dazu kommen, dass sich die Kernfamilie in sich zurückzieht und auf diese Weise die Großeltern isoliert - das kann bis zur Flucht an einen neuen Lebensort führen - oder dass die Liebe des Paares an den Loyalitätskonflikten zerbricht.


Schwager und Geschwister
Ungelöste geschwisterliche Abhängigkeiten und Rivalitäten können die Integration des neu zur Familie stoßenden Partners erschweren. Wenn ein Partner sich von den Geschwistern des anderen nicht akzeptiert oder unter Druck gesetzt fühlt, sollte dieser Eindruck ernst genommen werden, selbst wenn augenscheinlich keine Grundlage dafür zu bestehen scheint. Auch in derlei Situationen gilt: Die Solidarität mit dem Partner oder der Partnerin hat Vorrang.  


Copyright © 2011 BKK Deutsche Bank AG, Düsseldorf