Ängste

Maria konnte aus Angst vor den Anfällen ihre Wohnung nicht mehr verlassen. Nur in Anwesenheit ihres Lebensgefährten trat die Angst niemals auf. Nur bei ihm fühlte sie sich sicher. Nur mit ihm konnte sie auf die Straße gehen. Trotzdem ist sie heute von ihm getrennt. Warum?

Bei Werner hingegen traten unerklärliche Höhenängste auf. Wegen seiner Höhenängste konnte er nicht einmal eine niedrige Aussichtswarte besteigen. Fahrten mit Aufzügen, Sesselliften oder gar Flüge wurden für ihn zum Horrortrip...


Fallgeschichte 1
Es war ein drückend heißer Sommertag im Juli. Maria hatte sich schon früh von ihrem langjährigen Lebensgefährten verabschiedet, um zu einem Schulabschlussjubiläum in jene Stadt zu reisen, in der sie ihre Schulzeit verbracht hatte. Die lange Zugfahrt hatte sie ziemlich erschöpft. Die brütende Hitze tat das Übrige dazu. Jetzt war sie froh, sich im schattigen Garten eines Cafés ein wenig erholen zu können. Es war vereinbart, dass Georg, ihre heimliche Liebe aus der Schulzeit, sie mit dem Auto von dort abholen und zum Klassentreffen bringen sollte. Doch Georg verspätete sich. Plötzlich, aus heiterem Himmel, begann ihr Herz wie wild zu rasen. Sie glaubte, ihre letzte Stunde hätte geschlagen. Voll Panik schlug sie Alarm. Wenig später befand sie sich in einem High-Tech-Untersuchungsraum auf einer Intensivstation. Schon im Rettungswagen spürte sie, wie die Symptome nachließen. Jetzt, wo sie an die Geräte angeschlossen war, fühlte sie sich wieder völlig sicher und ruhig.

Zu Marias Überraschung stellten die Ärzte fest, dass ihr körperlich nichts fehlte. Doch das war bloß der Anfang. Diesem ersten Angstanfall folgten weitere, schlimmere. Bald konnte Maria aus Angst vor den Anfällen ihre Wohnung nicht mehr verlassen. Es wunderte sie schon damals, dass die Angst niemals in Anwesenheit ihres Lebensgefährten auftrat. Nur bei ihm fühlte sie sich sicher. Nur mit ihm konnte sie auf die Straße gehen. Trotzdem ist sie heute von ihm getrennt. Warum?

Maria ist ihren Ängsten auf den Grund gegangen. Der Weg, bis Maria den Sinn ihrer Angstanfälle verstand, war lange und beschwerlich. "Zu meinem Lebensgefährten hatte ich damals eine überaus enge und vertraute Beziehung. Wir verstanden uns blind. Doch sexuell lief zwischen uns beiden schon lange nichts mehr", sagt Maria heute. "Auslösend für meine seelische Erkrankung war Georgs Verspätung. Die Aussicht, ihn nach so langer Zeit wiederzusehen, verstärkte in mir natürlich wieder die alte Leidenschaft. Mein unerfülltes Liebesleben, meine neu belebte Sehnsucht in Verbindung mit seiner Verspätung führten deswegen zum Angstanfall, weil ich mir den Gedanken: "Wenn ich mich nicht bald von meinem Partner trenne, wird es für mich zu spät sein" damals noch nicht bewusst eingestehen konnte.

Unbewusst war er aber schon längst vorhanden. Je stärker mein unterdrückter Trennungswunsch wurde, desto stärker wurden meine Ängste. Schließlich wollte ich ihn auch nicht verlieren.


Fallgeschichte 2
Bevor Werner seine langjährige Lebensgefährtin heiratete, lebte er ein ziemlich unstetes Leben. Alkoholexzesse und wilde sexuelle Abenteuer entsprachen seinem Lebensstil. Nach der Eheschließung wurde Werner beständiger. Gleichzeitig traten bei ihm jedoch unerklärliche Höhenängste auf. Wegen seiner Höhenängste konnte er nicht einmal eine niedrige Aussichtswarte besteigen. Fahrten mit Aufzügen, Sesselliften oder gar Flüge wurden für ihn zum Horrortrip. Stand er auf einem Balkon und blickte in die Tiefe, verspürt er den fast unwiderstehlichen Zwang, auf der Stelle hinabzuspringen. Er konnte es aber auch nicht ertragen, wenn ein anderer sich über das Balkongeländer beugte. Noch im selben Augenblick erfasste ihn die Panik, die andere Person könnte das Gleichgewicht verlieren und in die Tiefe stürzen. Über die Assoziationskette: Abstürzen, stürzen, fallen, sich fallen lassen, loslassen, nachgeben, sich hingeben, keine Kontrolle mehr über das zu haben, was mit einem passiert (was man tut), stieß Werner auf das verborgene Motiv seiner Höhenangst. Im Unbewussten war die Höhe ein Äquivalent für seine aufgestaute sexuelle Erregung (seine Erektion).

Hinter dem Zwang zu springen steckte nichts anderes als der Wunsch, sich endlich fallen zu lassen (sich gehen zu lassen, die Kontrolle aufzugeben) und sich ungehemmt (im freien Fall) den Begierden zu überlassen, die Werner im Ehealltag unterdrücken musste. In Werners Fall handelte es sich bei der verbotenen Versuchung um sadomasochistische Wünsche, die er in der Beziehung mit seiner Ehefrau nicht ausleben konnte und daher unter Kontrolle halten musste. Die Höhenangst entpuppte sich als Angst vor dem Kontrollverlust, wobei sich Kontrolle auf sexuelle Triebwünsche bezog, die von Werner bewusst abgelehnt worden waren.


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