Wie gute Kommunikation funktioniert
Wer heute heiratet, landet mit einer Wahrscheinlichkeit von 38 Prozent vor dem Scheidungsrichter. Moderne Paare, die sich nicht mit jedem Lebensabschnitt neuerlich auf Partnersuche begeben wollen, stehen heute vor der Herausforderung, ihre Beziehung als stabiles und auf Zuneigung gegründetes Lebensprojekt zu gestalten.
Pionierarbeit
Da es dafür kaum Vorbilder gibt, bedeutet das Pionierarbeit. Unzählige Beziehungsratgeber haben sich das Thema zum Gegenstand gemacht, wobei die Ratschläge sehr variieren können. Derweil in einem die Vorzüge von Dreierbeziehungen gepriesen werden, rät ein anderer zum spirituellen Umgang mit den Gelüsten oder zu einem Ideal strikter Treue. Wer seinen Weg sucht, sollte sich von den unterschiedlichen Glücksrezepten nicht verwirren lassen, sondern sie vielmehr als Anregungen betrachten und in sich hineinfühlen, was passen könnte. Zu zweit ergibt das allerhand Stoff für Diskussionen. Und genau das ist der Punkt, wo ein Paar landen sollte: Beim gemeinsamen Überlegen und Besprechen, wie alltägliche und grundsätzliche Fragestellungen zu lösen sind. Zwei Menschen, die ihre Eigenständigkeit bewahrt haben, werden nie genau die gleichen Lebensvorstellungen haben. Das bedeutet, dass Interessenkonflikte in einer Beziehung unumgänglich sind. Wer sich ihnen stellt, ermöglicht es der Beziehung, zum Medium für Austausch, Bereicherung, Wachstum und Leben zu werden.
Die Konflikte unter den Teppich zu kehren oder Konflikte nicht zuzulassen, bedeutet Erstarrung. Das ist auch der Grund, weshalb Partnerschaften, wo "alles perfekt zu passen" scheint, so häufig auseinanderbrechen: Mangels Konflikten und somit Entwicklungschancen wird den Menschen in solchen Beziehungen leicht langweilig. Die "Gleich und Gleich"-Paarung ist ideal für schwere Zeiten, wo synchrones Reagieren auf kritische Umstände gefragt ist. In einer relativ krisenfesten Ära allgemeinen äußeren Wohlstands dagegen kommen die Herausforderungen eher von innen. Wo Unterschiede existieren und zugelassen werden, bedeutet das jedoch einen Aushandlungsprozess, der so lange dauert wie die Beziehung - vielleicht sogar ein Leben lang.
Liebe ist nicht selbstlos
Gute Verhandler suchen nach so genannten "win-win"-Lösungen. Sie vertrauen darauf, dass alle Beteiligten besser dran sind, wenn sie miteinander zusammenarbeiten. Sie bemühen sich, dass jeder von der Situation profitieren kann, achten aber auch darauf, dass die Lösung nicht allein auf ihre Kosten geht - entsprechend der Auffassung des bekannten Schweizer Psychotherapeuten Jürg Willi: "Ich glaube, der Mensch ist so konstruiert, dass alles, was er tut, auch zum eigenen Nutzen sein muss. Liebe ist nicht selbstlos." Dazu kommt, dass menschliche Beziehungen von zwei Kräften angetrieben werden: Liebe und Aggression. Die Steuerung erfolgt zentral - über die Sexualhormone - und daher sind Erotik und Liebe auch auf der physiologischen Ebene nicht von der Aggression zu trennen.
Probleme immerzu nur in zivilisiertester Manier am Runden Tisch diplomatisch auszuverhandeln, ist somit nicht das allzeit gültige Patentrezept für die Lösung von Konflikten. Aggression soll, freilich in Maßen und ohne jemandem seelischen oder physischen Schaden zuzufügen, ausgelebt werden können. Wer humorvoll, sozusagen in Freundschaft, streiten kann, verfügt über ein wertvolles Instrument des Konfliktmanagements. Streitgewohnheiten, bei denen ein und dieselbe Person immer als Sieger hervorgeht, können nicht konstruktiv sein. Wer stets darauf pocht, zu wissen, was recht ist, wer mit Liebesentzug, Verachtung, überlegener Lautstärke oder gar mittels Androhung von destruktiven Aktionen oder Gewalt versucht, den längeren Ast zu besetzen, macht wirkliche Kommunikation unmöglich. Aus solchen Konfrontationen gehen die anderen Konfliktparteien unbefriedigt hervor. Langfristig sind dabei alle Verlierer, denn es wird die Selbstachtung und das Wohlbefinden der Gruppenmitglieder untergraben. Sie büßen ihre für ein erfolgreiches Leben enorm wichtige spontane Reaktionsfähigkeit ein. Damit werden die Erfolgschancen der gesamten Gruppe drastisch reduziert.
Auf die Ausgewogenheit kommt es an
Einige Spielregeln helfen, win-win Lösungen gezielt anzupeilen:
- Offen alle Argumente, Bedürfnisse und Wünsche im Zusammenhang mit dem zu verhandelnden Problem auf den Tisch bringen.
- Die Wünsche/Bedürfnisse jedes Einzelnen gegeneinander abwägen und darauf achten, dass keiner der Partner durch das Resultat zu sehr benachteiligt wird.
- Alle Beteiligten sollten zu Toleranz und Großzügigkeit bereit sein. Wer in einem Fall ein Zugeständnis macht, sollte darauf zählen können, dass das nächste Mal die andere Seite dazu bereit ist.
- Nötigenfalls keine Hemmungen haben, eine unabhängige kompetente Person als Vermittler heranzuziehen. Das kann auch ein professioneller Mediator sein.
- Einander wirklich das geben, worum der andere gebeten hat. Wer sich mehr Zärtlichkeit wünscht, sollte sie auch bekommen und nicht statt dessen etwa Bonbons; wer sich mehr Sex wünscht, sollte mehr Sex bekommen und nicht statt dessen Zärtlichkeiten.
Gute Investition
Für erfolgreiches Verhandeln ist es wichtig, den richtigen Zeitpunkt zu wählen. Je eher ein Problem zur Sprache gebracht wird, desto besser. Doch sollte das nicht gerade dann sein, wenn die Gemüter am Heißlaufen sind. Nach einer emotionsgeladenen Auseinandersetzung ist es besser, die Sache einmal zu überschlafen. Für das Gespräch sollte ausreichend Zeit reserviert werden, doch sollte es nicht länger als zwei Stunden dauern. Und es sollte zu einer Zeit stattfinden, wo alle Beteiligten normalerweise fit sind. Es empfiehlt sich, die häuslichen Diskussionen an einen neutralen, ruhigen Ort zu verlegen, wo es nicht so leicht ist, aus der Fasson zu geraten, etwa ein Restaurant. Der Aufwand an Zeit und Sorgfalt für die Verhandlungen ist gut investiert, denn das Ergebnis kann dadurch äußerst positiv beeinflusst werden.
Rat und Hilfe in Konfliktsituationen
In jeder Paarbeziehung kann es zu Kommunikationsproblemen und Konflikten kommen, bei denen die beiden Partner das Gefühl haben, am Ende ihres Lateins angelangt zu sein. In solchen Fällen (und erst recht, wenn die große Krise angesagt ist) kann es hilfreich sein, Hilfe von außen in Anspruch zu nehmen. Das kann geschehen, indem die Partner sich an eine Familien- oder Eheberatungsstelle oder einen guten Therapeuten wenden, wo ihnen geholfen wird, ihren Wust von Missverständnissen und ungelösten Problemen auseinanderzuklauben.